Lebensraum
Grundwasser - Bericht zum DGL-Workshop 2002
Martin
Reiss, Marburg
Vom
21.3. - 23.3.2002 veranstaltete die Deutsche Gesellschaft
für Limnologie (DGL) an der Universität Landau im
Fachbereich Biologie einen Workshop mit dem Titel "Lebensraum
Grundwasser". Anwesend waren zahlreiche Vertreter (37
Teilnehmer) aus der wissenschaftlichen Forschung, Landesämtern,
Freiberufler und Interessierte. An den ersten 2 Tagen fanden
einführende Referate und Diskussionen, am letzten Tag
eine Exkursion statt.
Das
Leben im Grundwasser - Forschungsstand und Forschungsbedarf
Hauptziel
der Veranstaltung war das Voranbringen der limnologischen
Forschung im Lebensraum Grundwasser. Das selbst von Fachvertretern
nicht durchweg als von Lebewesen bewohntes Ökotop im
Bewusstsein vorhanden scheint.
Doch
was wissen wir von diesen Lebewesen ? Welche Arten leben im
unterirdischen Wasser, wie ist ihr Verhalten, ihre Ernährungsweise,
wie stehen sie mit ihrer Umwelt in Beziehung, welche Beziehungen
bestehen unter den Lebewesen selbst und vor allem: Welche
Auswirkungen haben Lebensraumveränderungen auf die Grundwasserfauna
?
Um
diese Fragen einer Antwort näher zu bringen, brachte
Dr. Hans Jürgen Hahn vom Institut für Biologie an
der Uni Landau Experten aus Deutschland, den Niederlanden,
Österreich und Wales an einen Tisch, um den Forschungsstand
und die Forschungsdefizite aufzuzeigen. Im einzelnen wurden
folgende Kurzvorträge gehalten:
- "Systematik
und Faunistik der Grundwassertiere", Dr. F. Mößlacher,
Weichs (AU)
- "Rolle
der Mikroorganismen im Nahrungsgefüge des Grundwassers",
Dr. J. Marxsen, Schlitz
- "Welche
Faktoren beeinflussen das Auftreten der Grundwasserfauna?",
Dr. H. J. Hahn, Landau
- "Can
invertebrate monitoring contribute to sustainable groundwater
management?", Dr. J. Notenboom, Amsterdam (NL)
- "Quellen
als Schnittstellen zwischen Oberflächenwasser und Grundwasser
- eine Übersicht", Dipl.-Biol. H. Schindler, Landau
- "Die
Bedeutung des Hyporheals für die ökologische Grundwasserforschung",
Dr. M. Brunke, Berlin
Als
ein allgemeines Fazit der Vorträge und Diskussionen kann
gesagt werden, dass der bisherige Wissenstand zur Ökologie
der Grundwasserfauna sehr gering ist und weit hinter der Erforschung
der Oberflächengewässer zurückliegt. In allen
Gebieten wie Taxonomie, Systematik, Nahrungsnetze, Mikrobiologie,
Syn- und Autökologie, Bioindikation und Umweltbewertung
sowie Verknüpfung mit Teillebensräumen besteht noch
erheblicher Forschungsbedarf.
Die
Grundwasserfauna - Kenntnislücke an Kenntnislücke
Das Grundwasser ist der unterirdische Lebensraum
zahlreicher Lebewesen und Lebensgemeinschaften. In Europa
sind bisher 2000 Tierarten bekannt, die im Grundwasser leben,
bzw. vorkommen. Die Bedingungen im Untergrund, wie Dunkelheit,
Sauerstoffarmut, Nahrungsmangel führten bei der Grundwasserfauna
zu typischen Anpassungen: Sie sind klein und langgestreckt,
farblos und blind. Dafür besitzen Grundwassertiere ausgeprägte
Tast- und Riechorgane (vgl. linke Abb. von Stenasellus).
Zur
Kenntnis der Nahrungsketten bestehen bisher nur Hypothesen,
die aus den besser erforschten Nahrungsketten der Oberflächengewässer
abgeleitet werden. Im Grundwasser ist an photoautotrophe Produktion
wegen fehlendem Sonnenlicht nicht zu denken, so dass nur wenig
organisches Material vorkommt. Die Vermutung ist, dass die
Meiofauna (Lebewesen kleiner 1 mm) vor allem von der Erdoberfläche
eingetragenen oder in den Sedimenten vorkommenden Detritus
lebt. Ferner können Bakterienansammlungen abgegrast werden.
Befunde hierzu liegen nicht vor.
Bestimmte
Habitatbindungen oder die Verbreitung bestimmter Arten in
speziellen Korngefügen oder Korngrößenspektren
sind ebenfalls völlig unzureichend untersucht. An eine
geographische, flächendeckende Aussage zur Verbreitung
der Grundwasserfauna ist nicht zu denken, was allerdings zur
Kennzeichnung bestimmter Grundwassertypen sehr wichtig wäre.
Es zeigt sich jedoch, dass grundwasserbewohnende Tiere anfällig
gegen die Verstopfung des Lückensystems (Kolmation) reagieren.
Hydrologischer Austausch und die Strömungsverhältnisse
scheinen als Hauptfaktoren der Verbreitung vermutlich wichtiger
zu sein als die Auswirkungen hydrochemischer Einflüsse.
Aussagen zu Bioindikation und Umweltbewertung sind somit schwierig.
Erschwert wird die limnologische Forschung auch
durch die Artenvielfalt im Grundwasser und taxonomische Schwierigkeiten.
Es ist zu vermuten, dass viele Grundwasserarten noch nicht
entdeckt und beschrieben sind. Für einen der makroskopisch
gut sichbaren Vertreter der Grundwasserfauna, den Grundwasserkrebs
Niphargus (linke Abb.) existiert zwar ein Bestimmungsschlüssel,
doch ist dieser seit 60 Jahren nicht weiter entwickelt worden.
Eine eindeutige Unterscheidung der Arten ist kaum ohne Probleme
möglich, da männliche und weibliche, adulte und
junge Tiere einer "Art" morphologisch völlig
verschieden sein können. Zur Ermittlung des Standes der
Niphargus-Forschung hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet,
die zunächst einen Überblick zur Beschreibung von
Niphargusarten erarbeiten möchte. Auch das Wanderverhalten
in Ökotonbereiche wie Quellen ist noch zu ergründen.
Als
Bestandteil des Landschaftswasserhaushaltes ist der Lebensraum
Grundwasser Teil unserer Landschaft. Ein ausreichender Schutz
ist aufgrund fehlender Gesetzesgrundlagen (z.B. durch die
Vorgaben der Europäische Wasserrahmenrichlinie) nicht
gegeben. Ein Zustand den es zu verändern gilt, wenn eines
der ältesten und lebenswichtigsten Ökosysteme "unter
unseren Füßen" erhalten bleiben soll. Hier
scheint noch viel Überzeugungsarbeit notwendig zu sein.
Ein Schritt in diese Richtung dürfte dieser Workshop
aber getan haben, zumal sich im Rahmen der DGL ein Arbeitskreis
"Lebensraum Grundwasser" gegründet hat.
Methodische Probleme zur Erforschung der Grundwasserfauna
ergeben sich insbesondere aus der Lage der Aquifere unterhalb
der Erdoberfläche. Das Grundwasser ist nicht ohne weiteres
frei zugänglich. Es muss entweder erbohrt oder über
Brunnen und Grundwassermessstellen beprobt werden (linke Abb.).
Inwieweit man Einwanderungen von Oberflächen- oder Bodenlebewesen
feststellen kann, hängt unmittelbar mit der Methode der
Probennahme zusammen. Hierzu führt die Universität
Landau Feldversuche durch, die einen Methodenvergleich liefern
soll (Arbeit Dirk Matzke). Desweiteren sollen Beprobungen
von Quellen im Pfälzer Wald zeigen, inwieweit sich diese
Ökotone eignen um Aussagen zum Vorkommen der Grundwasserfauna
zu gewinnen.
Lobbyarbeit
für die Grundwasserfauna
Aufgrund
der bestehenden wissenschaftlichen Kenntnisdefizite und des
mangelnden rechtlich fundierten Grundwasserschutzes ist es
zwingend notwendig eine "Lobby" für die Grundwasserfauna
zu konstituieren.
So
wurde am 22.3.2002 der Arbeitskreis "Lebensraum Grundwasser"
einstimmig gegründet. Als Obmann wurde Dr. H.J. Hahn,
sowie die Stellvertreter Dr. M. Brunke und Dr. M. Gierig gewählt.
In
einer ersten Diskussion konnten erste Ziele und Aufgaben formuliert
werden, die in weiteren Sitzungen zu einem klareren Bild zusammenzufassen
sind. Der Arbeitskreis möchte vor allem eine interdisziplinäre
Schnittstelle sein, indem aussagefähige Konzepte zum
Schutz der Grundwasserlebewelt erarbeitet werden sollen. Nicht
nur Biologen sind zur Zusammenarbeit aufgerufen. Auch Hydrogeologen,
Toxikologen, Umweltwissenschaftler sind in diesem offenen
Kreis willkommen. Nächste Schritte werden auf der DGL-Tagung
in Braunschweig Anfang September dieses Jahr zu klären
sein.
Es
bleibt zu hoffen das eine starke Interessenvertretung entsteht,
die es versteht einzelne isolierte Arbeitsgruppen aus unterschiedlichen
Bereichen zusammenzuführen. Inwieweit dies in den Elfenbeintürmen
der Forschung gelingt werden die nächsten Sitzungen zeigen.
Literatur:
Gonser,
T. (2000): Das Grundwasser. Ein obskurer Lebensraum. In: EAWAG
news 49:http://www.eawag.ch/publications/eawagnews/www_en49/en49d_ihv_web.html
Hahn,
H.J. (2002): Der vergessene Lebensraum. Grundwasser: Leben
in ewiger Dunkelheit. In: Biologie ín unserer Zeit,
32.Jhg., Nr.2, S.110-117
Abbildungen
der Grundwassertiere aus: http://www.groundwater-ecology.univ-lyon1.fr/
ecophysio.html
Anmerkung:
Der Autor dankt den Veranstaltern herzlichst für die
Teilnahme an dem Workshop.
Besonders
möchte ich mich bei Dr. H.J. Hahn für die Durchsicht
und Korrektur dieses Artikels bedanken, sowie Klemens Gieles
für hilfreiche Anmerkungen.
Artikel
veröffentlicht in: Der Grottenolm. Mitteilungsheft des
Höhlenforscherclubs Bad Hersfeld. 13. Jhg., Heft 1/2002,
S.10-13