HYDROGEOGRAPHIE.DE

Eine geographische Gewässerkunde des Binnenlandes

Dipl.-Geograph M. Reiss / Marburg, Lahn

Beiträge

Dynamische Gewässerlandschaften:

Der Biber und die heutige Landschaftsentwicklung

Martin Reiss, Marburg

 

Der Biber (Abb.1) umfasst weltweit nur gerade zwei Arten und ist das drittgrößte Nagetier der Erde (Kappeler 1995). Das Vorkommen des Bibers in Europa ist sehr unterschiedlich (Abb.2).

Abb.1: Castor fiber, der Eurasiatische Biber. Aus www.rivernet.org

Abb.2: Biberpopulationen ausgewählter europäischer Staaten. Aus: Stocker 2000:1

 

Die Einzigartigkeit des Bibers liegt in seiner Lebensweise. Er kann ausgewachsene Bäume fällen (Beitrag zur Waldverjüngung) und baut Staudämme in Fließgewässer als Brut- und Wohnstätte.


Hierbei wird seine Eigenschaft als "Landschaftsgestalter" oftmals überschätzt. In Gewässerlandschaften mit Steilufern baut der Biber seine Wohnburgen in die Uferwand, so das von einem Gewässeraufstau nicht die Rede sein kann (Kappeler 1995). Hier kann das Vorkommen der Biber sogar als Verbesserung der Fließgewässerstrukturgüte gesehen werden, wenn es zu einer Förderung der Laufkrümmung kommt.
Nur in Gewässerlandschaften mit niedrigen Wasserständen baut der Biber Dämme die das Wasser aufstauen, damit er ausreichend tauchen und schwimmen kann (Nahrungs- und Schutzfunktion) (Schulte o.J.).


Der Aufstau von Wasser bewirkt eine starke Veränderung der Lebensbedingungen für andere Lebewesen. Stehendes Wasser hat eine andere biochemische Voraussetzung als fließendes Wasser. Im wesentlichen erhöhen sich die Wassertemperatur und die Nährstoffgehalte im Wasser. Es kann zu einer Ansiedlung von Lebewesen kommen, die auf diese speziellen Verhältnisse eines solchen Feuchtgebietes angewiesen sind. In einer Gewässerlandschaft mit ansonsten ausgeprägten Trockenperioden können Amphibien und Fische ein Refugium finden. Kurzum, der Biber kann zu einer Veränderung (Erhöhung) der Artenvielfalt hinwirken (LWF 1997).


Der Biber gestaltet also durch seine Tätigkeiten eine Gewässerlandschaft aktiv mit, d.h. er trägt zur Dynamik in Gewässerlandschaften bei. Hierzu eine kurze Übersicht (nach Anderegg und Baumgartner 1997):

1. Der Biber lebt im Wasser und an Land, verbindet so terrestrische und aquatische Lebensräume zu einem Ganzen - einer vielfältigen Auenlandschaft. Die Auenökosysteme, die der Biber so vorzüglich repräsentiert, bilden in Mitteleuropa die Landschaftselemente mit der größten Artenvielfalt. Sie haben damit höchste Bedeutung für den Schutz der Biodiversität.


2. Der Biber bringt verschiedene Landnutzer und -gestalter zusammen. Er betätigt sich als Wasserbauer und als Forstwirt, bezieht auch Wiesen und Äcker in seinen Lebensraum ein. Gewässerschutz, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Wasserbau, Natur- und Landschaftsschutz, selbst die Raumplanung haben mit dem Biber zu tun.


3. Der Biber symbolisiert Vernetzung. Der Biber schafft Netze (Biotopbrücken), indem er für sich und die Mitbewohner seines Lebensraums verbindende Gräben und Kanäle in die Gewässerlandschaft baut. Und er braucht Vernetzung: Um die Art in der Schweiz langfristig zu erhalten braucht es in unserem Gewässersystem vordringlich Wanderkorridore, welche die zersplitterten Kolonien zu einer lebensfähigen Population verbinden.

Der Einfluss des Bibers auf die Landschaftsentwicklung kann plakativ wie folgt vereinfacht werden: Der Biber erstellt Feuchtgebiete mit heterogener Struktur (Habitate, Biotope).


Als ein Beispiel sei eine Studie angeführt, welche die Landschaftsveränderungen durch Biber im nördlich von New York (USA) gelegenen "Adirondacks State Park" untersucht. Im "Oswegatchie Watershed" wurde die Landschaftsentwicklung anhand der vorgefundenen Lebensräume von 1946 und 1995 dargestellt (Abb. 3)

Abb.3: Landschaftsveränderung durch Biber.
Aus: http: /www.mtholyoke.edu/~phouliha/beaver_wet.htm

Durch den Dammbau der Biber entstanden neue Biberteiche, also Feuchtgebiete die zur Veränderung der Naturräume führten (insbesondere der Vegetation). Neben Laub- (hellgrün) und Nadelwald (dunkelgrün) entstand eine Mosaiklandschaft mit Sträuchern (gelb), offenen Wasserflächen (hellblau) und Flächen mit ausgeprägten Schwimmblattpflanzen (dunkelblau).

Die Schaffung solcher Mosaiklandschaften kann folgende Blockbild-Folge verdeutlichen:

 

Abb.4: Entwicklung einer Gewässerlandschaft unter Einfluss von Bibertätigkeiten. Aus: http://www.biberschutz.de

 

Die Lebensräume die der Biber aktiv schafft sind jedoch selbst nicht statische Naturräume, sondern unterliegen wiederum einer dynamischen Entwicklung. Wenn zum Beispiel in Auenlandschaften die Biberteiche mit den Wohnburgen durch ein Hochwasser beschädigt werden, so können nach Dammbrüchen nährstoffreiche Wiesen entstehen. Kommt der Biber nicht erneut zum Dammbau, so können je nach Bedingung der Waldbewirtschaftung sog. Biberwiesen längere Zeit existieren (Rotwildäsungsflächen) oder aber kurze temporäre Gebilde darstellen, wo die Sukzession für Dynamik, Strukturvielfalt und Artenreichtum sorgt und eine neue Waldfläche entstehen kann.

Es ist daher wenig verwunderlich, das der Biber für den Naturschutz eine sog. "ideale Zielart" an Fliessgewässern ist, da seine Akzeptanz (Popularität) in der Bevölkerung groß ist und er in der Landespflege als "zusätzlicher Dynamikfaktor" zur Schaffung von Arten- und Lebensraumvielfalt aufgefasst wird (Schulte 2001).

Es mag zunächst abwegig klingen, doch es ist zu vermuten, daß der Biber als Landschaftsgestalter seinen Beitrag zur Erlangung der Ziele der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie leisten kann, wenn strukturreiche, veränderliche und biologisch vielfältige Gewässerlandschaften als Qualitätsziel definiert sind.

 

Literatur:

Anderegg, R und Baumgartner, H. (1997): Der Biber - ein wertvoller Partner im Naturschutz. In: Bulletin Umweltschutz 1 / 97 (=http://www.buwal.ch/bulletin/1997/d1a13s01.htm)

Stocker, M. (2000): Biber und Biodiversität. In: Schweizerisches Wildtierbiologisches Informationsblatt Nummer 6 / Dezember 2000, S.1-2.

Kappeler, M. (1995): The WWF Conservation Stamp Collection.

Schulte, R. (o.J.): Landschaftsentwicklung unter dem Einfluß des Bibers. In: http://www.biberschutz.de/publikat/dok_001.htm

Schulte, R. (2001): Welche Arten/Artengruppen der Fluss- und Bachökosysteme erfüllen die Auswahlkriterien für Zielarten?. Ergebnisse des Seminars "Zielarten für den Naturschutz an Fließgewässern - Mehr Raum für Bäche und Flüsse" vom 19.09. bis 20.09.2000 (=www.nabu-akademie.de/berichte/00fkuss_arten.htm)

LWF (1997): Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft - LWF-Bericht Nr.13 "Der Biber in Bayern" (= http://www.lwf.uni-muenchen.de/veroef/veroef97/lwfbericht13/index.htm)

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http://www.bibermanagement.de/Biber-Links/body_biber-links.html


 


 

 

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