HYDROGEOGRAPHIE.DE

Eine geographische Gewässerkunde des Binnenlandes

Dipl.-Geograph M. Reiss / Marburg, Lahn

Beiträge

Zur Erfassung und Bewertung von Quellen - Ergebnisse aus dem Hohen Vogelsberg, Hessen

von Martin Reiss, Marburg


Einleitung

Quellen sind die vielfach vergessenen Biotope über deren ökologischen Zustand und deren räumliche Lage oftmals nicht sehr viel bekannt ist. Es bestehen nach wie vor erhebliche Kenntnislücken zum Verständnis ökologischer Zusammenhänge, vor allem im Bereich der Ökotonforschung zur Klärung der Vernetzung der Lebensräume Grundwasser - Quelle - Gewässersohle (Reiss 2002:10-13).

Mit Blick auf die Ziele und Forderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, d.h. vor allem die „Vermeidung einer weiteren Verschlechterung sowie Schutz und Verbesserung des Zustands der aquatischen Ökosysteme und der direkt von ihnen abhängenden Landökosysteme und Feuchtgebiete im Hinblick auf deren Wasserhaushalt“ (EU-WRRL 2000:Artikel 1,a) sollte den Quellen eine besondere Bedeutung als Forschungsobjekt zugesprochen werden, da sich aus den zu gewinnenden Erkenntnissen (z.B. Wasserhaushalt, Verbreitung von Organismen, Strukturgüte) Maßnahmen zur Sicherung und Verbesserung des Gewässerschutzes ableiten lassen.

Hierzu sind entsprechende Erfassungs- und Bewertungsmethoden eine grundlegende Voraussetzung, welche die Kleinräumigkeit von Quellen, aber auch die Einbindung dieser Grundwasseraustritte im Landschaftswasserhaushalt und damit einen übergeordneten Maßstabsbezug berücksichtigen. Ein ökologisches Erfassungs- und Bewertungsverfahren das auf der räumlichen Ebene kleiner Einzugsgebiete die naturraumbezogenen und quelltypspezifischen Faktoren im Sinne eines strukturierenden und reglementierenden Vorganges formal und inhaltlich nach vorgegebenen, einzuhaltenden Abläufen bewertet (Bastian 1999:59) existiert bislang nicht. Ziel der Arbeit ist es, diese Lücke zu schließen sowie ein modifiziertes Verfahren zur Kartierung und Bewertung der Strukturgüte von Quellbächen (Bäche mit einer Mittelwasserspiegelbreite kleiner 1 Meter) vorzustellen.

Untersuchungsgebiet

Das Untersuchungsgebiet im oberen Einzugsgebiet der Alten Hasel befindet sich im Hohen Vogelsberg (basaltischer Vogelsberg) in Hessen. Das 48,43 km2 große Einzugsgebiet der Alten Hasel ist Teil des Gewässersystems der Schlitz, die zur Fulda entwässert (Wesereinzugsgebiet). Von den insgesamt acht untersuchten Quellen, liegen sechs Quellen im Oberwald, einem weitestgehend bewaldeten und siedlungslosen Hochplateau zwischen 774 m und 600 m über dem Meeresspiegel sowie zwei Quellen im Bereich Östlicher Hoher Vogelsberg, in Nähe der Siedlung Lanzenhain mit überwiegend extensiver landwirtschaftlicher Nutzung. Die untersuchten Quellen sind hydrogeologisch den schwebenden Grundwasserleitern der Oberwaldzone zuzuordnen (Leßmann 1997:Anlage 5).

Methoden

In Anlehnung an das Konzept zur Bewertung des ökologischen Zustandes von Fließgewässern (LÖLF und LWA 1985:7) erfolgt die Zuordnung der zu bewertenden Parameter (Bewertungskonzept) nach den räumlichen Bereichen einer Quelle (Raumkonzept nach Illies und Botosaneanu 1963; Laukötter, Lischewski und Hinterlang 1994:40) (siehe Tabelle 1).

Raumkonzept

Bewertungskonzept

Räumlicher Bereich

Hauptparameter

Typusparameter

Einzelparameter

Quellbereich

Quellaustritt

Quellstruktur

Natürlichkeit

Störungen

Substratdiversität

Nutzung

Veränderungen

Verbau

Trittschäden

Einträge

Wasserqualität

Natürlichkeit

Störungen

Elektrische Leitfähigkeit

pH-Wert

Sauerstoffgehalt

Nährstoffgehalte

Chloridgehalt

Lebewesen

Lebensraumpräferenz

Pflanzen / Vegetation

Tiere

Quellbach

Strukturgüte

Natürlichkeit

Störungen

Laufentwicklung

Längsprofil

Querprofil

Sohlenstruktur

Uferstruktur

Gewässerumfeld

Wasserqualität

Natürlichkeit

Störungen

Elektrische Leitfähigkeit

pH-Wert

Sauerstoffgehalt

Umfeld

Quellnahbereich

Bodenwasserhaushalt

Natürlichkeit

Wasserhaushalt (Zeigerpflanzen)

Quellumfeld

Nutzungstypen

Störungseinflüsse

Land- und Bodenutzung

Nähe zu Verkehrsflächen

Tabelle 1: Konzept zur Bewertung des ökologischen Zustandes von Quellen. Eigene Darstellung

Die Bewertung erfolgt nach einem integrativen Verfahren, indem die Analyse- und Bewertungsmethoden der Einzelparameter berücksichtigt werden und in ein 7-stufiges, ordinal skaliertes Klassifikationssystem zur Gesamtbewertung transformiert und aggregiert werden. Die Grundlage bzw. der Maßstab (Leitbild) der Bewertung ist der geogene, quasi natürliche Zustand der Quelle eines bestimmten Naturraumes.

Es werden vor allem strukturelle, chemisch-physikalische, biotische und anthropogene Faktoren bewertet, die nach den Teilbereichen einer Quelle gesondert dargestellt werden können (vgl. Tabelle 1).

Kartiermethodik und Bewertungsverfahren sind eng miteinander verknüpft, so dass zur Erfassung der Quellen ein strukturierter, standardisierter Kartierbogen konzipiert wurde. Hierzu sind die in der Praxis bewährten Vorlagen der Quellkartieranleitung der Gesellschaft für Quellökologie und Quellschutz (GfQ) und der Strukturgütekartierung der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) modifiziert und zum Teil ergänzt worden.

Neben der Datenermittlung im Gelände wurden hydrochemische Analysen im Labor vorgenommen.

Ergebnisse

Es wurden sechs naturnahe Waldquellen (5421-01; 5421-03 bis 5421-07), eine gefasste Waldquelle (5421-02) sowie eine Grünlandquelle (5421-08) erfasst und bewertet (Tabelle 2). Bis auf die verbaute Quelle konnten alle Grundwasseraustritte dem Typ der Sickerquelle (Helokrene) zugeordnet werden, die eine ganzjährige, meist geringe Schüttung (< 0,2 l/s) aufweisen. Allgemein konnte das austretende Grundwasser aller untersuchten Quellen hydrochemisch als sehr weiches Erdalkali-Hydrogencarbonat-Wasser charakterisiert werden. Auffällige stoffliche, anthropogen bedingte Belastungen konnten nicht nachgewiesen werden. Eine ansatzweise anthropogen beeinflusste geogene Grundbelastung wurde nur beim Nitrat-Stickstoff (NO3-N) für alle untersuchten Quellen festgestellt (niedrigster Wert: 1,46 mg/l NO3-N; höchster Wert: 3,77 mg/l NO3-N).

Strukturelle Beeinträchtigungen (ohne Verbau) zeigten sich bei den Waldquellen in unterschiedlichen Intensionen durch Trittschäden (Wild). Die Quellbäche der untersuchten Quellbereiche im Wald sind trotz der geringen Größe sehr strukturreich und besitzen keine strukturschädigenden Elemente (Verbau, Aufstau, Sohlabstürze). Durch fehlende Baumbestockung sind im Grünlandbereich bestimmte gewässermorphologische Strukturen (Totholz, Verklausungen, Laub als Sohlensubstrat, umflossene Wurzeln) nicht vorhanden, die zu einer geringeren Strukturgüte führen. Die Gewässermorphologie erheblich schädigende Strukturen konnten im Grünland ebenfalls nicht nachgewiesen werden.

Insgesamt können die untersuchten Quellbäche als weitestgehend naturnah bzw. gering verändert eingestuft werden.

Die Quellbachbereiche die auf ihrer Fließstrecke naturnahe Erlenwälder (Quellwald) durchqueren zeigen eine besonders hohe Strukturvielfalt. Solche Bereiche könnten als Leitbilder für die Entwicklung beeinträchtigter Quellbachabschnitte dienen.

Als Lebensraum für Pflanzen und Tiere nehmen die untersuchten Quellen im Hohen Vogelsberg eine außerordentliche Stellung als Ökosystem bzw. Biotop ein. Es kommen bedrohte und seltene Arten vor. Hierbei sind vor allem die wirbellosen Kleinstlebewesen der Makro- und Mesofauna zu nennen, wie z.B. die nur im Vogelsberg und in der Rhön endemisch lebende Rhön-Quellschnecke (Bythinella compressa). Aber auch die wenig untersuchten und dokumentierten Wassermilben kommen in den untersuchten Quellen arten- und individuenreich vor. Als Erstnachweis für Hessen konnte die Wassermilbe Hydrovolzia placophora nachgewiesen werden.

Aufgrund des hochsteten Auftretens quelltypischer Pflanzenarten mit hohen Deckungsgraden wie Chrysosplenium oppositifolium (Gegenblättriges Milzkraut), Lysimachia nemorum (Hain-Gilbweiderich) und Cardamine armara (Bitteres Schaumkraut) kann die Vegetation aller Aufnahmen den Milzkrautgesellschaften des Chrysosplenietum oppositifolii cardamininetosum amarae zugeordnet werden.

Wesentliche gewässerunverträgliche und die Lebensgemeinschaften beeinträchtigenden Faktoren ergeben sich aus der Bewertung des Quellumfeldes. Hierbei resultieren insbesondere aus der Flächen- und Bodennutzung heraus negative Klassifizierungen. Es sind vor allem die intensive forstwirtschaftliche Nutzung von Nadelforsten, die Nähe zu Verkehrsflächen sowie eine geringere mittlere Feuchtezahl (Bodenwasserhaushalt) ausschlaggebend (Tabelle 2).

Räumlicher Bereich

Haupt-parameter

5421-01

5421-02

5421-03

5421-04

5421-05

5421-06

5421-07

5421-08

QA

Quellstruktur

1

4

1

2

1

2

2

1

Wasserqualität

1

1

1

1

2

2

2

2

Lebewesen

1

2

1

1

1

1

X

1

Aggregation (TG 1)

1

2

1

1

1

1

2

1

QB

Strukturgüte

2

2

3

2

2

X

1

X

Wasserqualität

1

1

X

1

1

1

2

1

Aggregation (TG 2)

1

1

3

1

1

1

1

1

QNB

Bodenwasser-haushalt

5

3

1

1

1

1

1

1

Aggregation (TG 3)

5

3

1

1

1

1

1

1

QUM

Nutzungstypen

6

6

2

6

6

6

4

4

Aggregation (TG 4)

6

6

2

6

6

6

4

4

Gesamtaggregation

TG1...TG4 (Ø)

3,25

3,0

1,75

2,25

2,25

2,25

2,0

1,75

Tabelle 2: Bewertung der Hauptparameter (Aggregation der zugeordneten Einzelparameter). Bewertungsklassen: 1 = unverändert; 2 = gering verändert; 3 = mäßig verändert; 4 = deutlich verändert; 5 = stark verändert; 6 = sehr stark verändert; 7 = vollständig verändert; X = keine Bewertung.

Fazit

Die Möglichkeiten der Interpretation der Ergebnisse aus dem Bewertungsverfahren sind begrenzt. Das Verfahren zur Bewertung des ökologischen Zustandes von Quellen kann dennoch einiges zur Darstellung von Defiziten leisten. Die praktische Anwendbarkeit und die Nützlichkeit bei gezielten Fragestellungen müssten in weiteren Untersuchungen, vor allem in unterschiedlichen Naturräumen, überprüft werden.

Allgemein sollte aber herausgestellt werden, dass Quellen integrale Bestandteile der Landschaft sind, die trotz ihrer Kleinräumigkeit sehr heterogene Lebensräume darstellen. Zur ökologischen Kennzeichnung und zur Ableitung eines ganzheitlichen und integrierten Gewässerschutzes sollten Quellen in Zukunft stärker berücksichtigt werden.

Literatur

Bastian, O. (1999): Landschaftsbewertung. In: Bastian, O. und Schreiber, K.-F. (Hrsg.): Analyse und ökologische Bewertung der Landschaft, S.56-66.Spektrum Akademischer Verlag: Heidelberg et al

Illies, J. und Botosaneanu, L. (1963): Problèmes et methodes de la classification et de la zonation ecologique des eaux courantes, considerées surtout du point de vue faunistique. Schweizerbart: Stuttgart. (= Internationale Vereinigung für theoretische und angewandte Limnologie, Mitteilungen 12)

Laukötter, G. / Lischewski, D. und Hinterlang, D. (1994): Quellschutz. Materialheft zur Kampagne und Diaserie Nr.5 des NZ NRW. Naturschutzzentrum Nordrhein-Westfalen in der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten: Recklinghausen

Leßmann, B. (1997): Bericht zur Hydrogeologie des Vogelsberges. Stand: Dezember 1997. Unveröffentlichter Bericht Hessisches Landesamt für Bodenforschung: Wiesbaden

LÖLF und LWA (1985) = Landesanstalt für Ökologie, Landschaftsentwicklung und Forstplanung NRW und Landesanstalt für Wasser und Abfall NRW: Bewertung des ökologischen Zustandes von Fließgewässern. Teil I: Bewertungsverfahren. LÖLF und LWA: Recklinghausen, Düsseldorf

Reiss, M. (2002): Lebensraum Grundwasser – Bericht zum DGL-Workshop 2002. In: Der Grottenolm. Mitteilungsheft des Höhlenforscherclubs Bad Hersfeld e. V., 13. Jg., Heft 1 – 2002, S.10-13

 

HINWEIS:

Bei ernstgemeintem Interesse an den Kartierbögen, der Kartier- und Bewertungsmethodik sollten sie Kontakt zum Autor aufnehmen:

Martin Reiss, Zeppelinstr.18, 35039 Marburg, Tel.: 06421-481997, Mail: mreiss2@web.de

Hier können sie auch Informationen zur AG Quellen des DGL Arbeitskreises "Lebensraum Grundwasser" erhalten.

Der vorliegende Beitrag ist veröffentlicht worden in: Marburger Geographische Gesellschaft, Jahrbuch 2002, S.200-204

 


 

 

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