Lachse
in der Lahn - Die Wiederansiedlung einer ausgestorbenen
Fischart
Auszug
aus der Internetseite des RP
Gießen ,
Abt. V ,Obere Fischereibehörde,
Bearbeiter
Walter Fricke
Die
Umsetzung strukturverbessernder Maßnahmen im Lahnsystem
Um
eine erfolgreiche Wiederansiedlung des Lachses im Lahnsystem
sicherzustellen, war es zunächst erforderlich, die
Anbindung des Rheins an die für das Lachsprogramm
geeigneten Laichgewässer Dill und Weil durch die
Beseitigung sämtlicher Wanderhindernisse in der Lahn
bis Wetzlar sowie in den Zuflüssen Dill und Weil
als oberste Priorität des Projektes zu formulieren.
Der
"erste Spatenstich" für die Baumaßnahmen
an einer Fischaufstiegsanlage (FAA) erfolgte im Jahre
1995 durch den damaligen Minister Jordan am Dillwehr in
Herborn. In den Jahren 1996 und 1997 folgte der Bau der
großen Fischaufstiege in Sinn und am Buderuswehr
in Wetzlar. Mittlerweile konnten 5 weitere Wehre an der
Dill und darüber hinaus 13 Wehranlagen in den Gewässern
Lahn, Elbbach, Ohm, Wetter, Siegbach und Emsbach mit Fischwanderhilfen
ausgerüstet werden. Für das Jahr 2000 stehen
neben 6 Wehren an der Dill je 1 großes Lahnwehr
in Gießen und Marburg in der Bauliste. Darüber
hinaus ist vorgesehen, 6 Wehre im Elbbach, durch die Bahn
AG als Ausgleich für den Bau der ICE-Neubaustrecke
mit Aufstiegsanlagen auszurüsten. Über 40 weitere
Wehre stehen im Rahmen von Planungen und Vorplanungen
für die nächsten 2 bis 3 Jahre zur ökologischen
Umgestaltung an.
Das
durchaus realistische Ziel, die potentiellen Laichgebiete
des Lachses in Dill und Weil wieder mit dem Rheinsystem
zu verbinden dürfte nach derzeitiger Einschätzung
innerhalb der nächsten 5 - 10 Jahre umsetzbar sein.
Der
Unterhaltungsplan der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung
für die Lahn
In
Abstimmung mit den zuständigen Behörden und
Verbänden hat die Bundesanstalt für Gewässerkunde
für Teilbereiche der Bundeswasserstraße Lahn
in den letzten Jahren bereits einen Unterhaltungsplan
erstellt, der auf der einen Seite den Ansprüchen
an die Unterhaltung einer Bundeswasserstraße Rechnung
trägt, andererseits aber auch die Belange des Natur-
und Artenschutzes in entsprechender Weise berücksichtigt.
So sollen Wasserverbaumaßnahmen so weit wie möglich
zurückgenommen bzw. reduziert werden.
Darüber
hinaus sind die Ausweisung von Flachwasserzonen, die Anlage
von Inseln, und das Zulassen von Uferabbrüchen im
Rahmen der Unterhaltung als wertvoller Beitrag zur Strukturverbesserung
der Bundeswasserstraße Lahn zu sehen.
Die
Entwicklung der Freizeitschifffahrt auf der Lahn
Der
enorme Anstieg der Freizeitaktivitäten auf der Lahn
durch Verlagerung des Bootswandertourismus von mittlerweile
gesperrten Gewässern in Deutschland auf die Lahn
sowie die Zunahme der Anbieter organisierter Bootswandertouren
aus der gesamten BRD führte in den letzten Jahren
zu einer weiteren Belastung des Öko-Systems Lahn.
Bootszählungen an Spitzentagen wie Pfingsten oder
Himmelfahrt haben in den letzten 2 Jahren täglich
mehrere tausend Boote an der Schleuse in Fürfurt
ergeben.
Für
eine erfolgreiche Entwicklung der Fischfauna ergibt sich
hieraus u. a. das Problem der Zerstörung von Kiesbänken
bei Bootsfahrten über flach überströmte
Kiesbänke, die als Laichbiotope für die Kieslaicher
eine wichtige Rolle spielen. So zeichnet sich hier ein
Interessenkonflikt zwischen dem gewollten Freizeit-Tourismus
an der Lahn als Einkommensquelle und den dringend erforderlichen
Artenschutzmaßnahmen für die aquatische Fauna
ab.
Der Arbeitskreis "Bootstourismus Lahn" beim
Regierungspräsidium Gießen befasst sich seit
längerem mit diesem Thema und versucht auf eine freiwillige
Selbstbeschränkung der gewerblichen Anbieter von
organisierten Bootstouren/Verleih hinzuarbeiten.
Die
Optimierung der Abwasserreinigung in Mittelhessen
Auf
Grundlage von EG-Richtlinien zur Behandlung kommunaler
Abwässer wurden in den letzten 3 Jahren in Mittelhessen
große Anstrengungen zur Verbesserung der Abwasserqualität
der Kläranlagen unternommen. So erfolgte bei 24 Kläranlagen
von Kommunen ab 10.000 Einwohnern die Nachrüstung
der 3. Klärstufe z. B. in Marburg, Kirchhain, Gießen,
Wetzlar, Dillenburg, Sinn, Solms, Weilburg, Selters und
Limburg.
Ein
Blick auf die Gewässergütekarte zeigt, dass
das angestrebte Ziel der Gewässergüteklasse
II in den meisten Fließgewässern in Mittelhessen
bereits erreicht werden konnte.
Die
Umsetzung der fischereibiologischen Maßnahmen
Die
ökomorphologische Ähnlichkeit der Herkunftsgewässer
der Elterntiere und die Strukturparameter der Besatzgewässer
wie z. B Abflussgeschehen und Sedimentzusammensetzung,
aber auch die vergleichbare Länge der Wanderwege
vom Meer zu den Laichgebieten sind nach bisher vorliegenden
Erfahrungen wichtige Auswahlkriterien, um eine erfolgreiche
Wiederansiedlung zu erreichen.
Irische
bzw. skandinavische Lachse legen z. T. nur 50 km - 100
km zwischen Meer und Laichgebiet zurück, der südwestfranzösiche
Lachsstamm dagegen bis zu 300 km, der Loire-Lachs sogar
bis zu 900 km.
Die
"Lahn-Lachse" haben eine Distanz von rund 500
km zurückzulegen bis sie ihre künftigen Laichgebiete
in Dill und Weil erreichen.
Ein
weiteres wichtiges Kriterium ist die Ähnlichkeit
der Biologie der Lachsstämme, d. h. der Rheinlachs
kehrte früher nach 2 - 3 Jahren aus dem Meer zurück.
Die
fischereibiologischen Erkenntnisse der letzten Jahre aus
dem Lahnlachs-Programm belegen eindeutig, dass die Entwicklung
der Junglachse französischer Herkunft bezüglich
Wachstum, Smoltifikationsalter, Jahreszeit und Zeitgebern
der Abwanderung exakt mit derjenigen des ehemaligen Rheinlachses
übereinstimmt, soweit sich dies aus historischen
Quellen rekonstruieren lässt.
Nicht
zuletzt wurde bei der Auswahl der Herkunft des Eimaterials
auf den Bezug aus Ländern mit Intensivlachszuchten
verzichtet, um dem Problem der Einschleppung von Seuchen
wie der infektiösen Salmoniden Anämie (ISA),
entgegenzutreten. Die ISA hat bereits zum Aussterben ganzer
Lachsstämme in Norwegen geführt.
Nach
intensiver Suche wurde eine Bezugsquelle für Lachseier
in Südwestfrankreich gefunden, die den o. a. Auswahlkriterien
eines künftigen Lahnlachsstammes entsprach.
Es handelt sich hierbei um Lachseier von ganzjährig
im Süßwasser gehaltenen Atlantiklachsen der
F-1-Generation. Die Elterntiere dieses Adour/Nive-Stammes
wurden als Wildlachse 1990 mit Genehmigung der obersten
Fischereibehörde in den Flüssen Adour und Nive
gefangen, einem Gewässersystem, das in den Pyrenäen
entspringt und bei Biarritz in den Atlantik mündet.
Die
Auswahl der Besatzgewässer
Entsprechend
den oben erwähnten Kriterien wurden nach eingehenden
Untersuchungen die potentiell am besten geeigneten Bereiche
der Äschenregion in Dill und Weil als Wiederansiedlungsgewässer
ausgewählt.
Analog
den Erfahrungen aus ähnlichen Projekten im Rheinsystem
werden die Junglachse jedoch nicht direkt in Dill und
Weil besetzt, sondern in strukturreiche gering belastete
kleinere Seitenzuflüsse oberhalb künftiger potentieller
Laichareale, im Bereich der Forellenregion.
Hintergrund dieser Strategie ist hier der weitgehende
Schutz der kleinen Junglachse vor Prädatoren (Fressfeinde)
wie großen Bachforellen, Döbeln oder Hechten.
Entsprechend
dem Raum- und Nahrungsbedarf können die kleinen Lachse
dann sukzessive in das Zentralgewässer abwandern.
Erste
Ergebnisse weisen auf eine deutlich höhere Überlebensrate
hin als bei einem Besatz unmittelbar an den potentiellen
Laichplätzen der Rückkehrer im Bereich der Äschenregion.
Die
Ausbildung von Lachswarten
Um
die zahlreichen Arbeiten bei der Wiederansiedlung des
Lachses durch ehrenamtliche Helfer fachgerecht ausführen
zu lassen, wurde das Konzept einer fundierten Ausbildung
der an dem Projekt interessierter Angler verfolgt.
Nähere
Informationen: IG-LAHN
Die
Aufzucht der Lachse
Im
Januar 1995 erfolgte erstmals der Bezug von 100.000 Lachseiern.
Bis
1999 wurden insgesamt rund 900.000 Eier französischer
Herkunft für das hessische Lahnlachs-Programm importiert.
Zunächst
war das Projekt mit dem Problem konfrontiert, dass mit
dem Aussterben des Lachses auch das Wissen um die Aufzucht
dieser Fische in Deutschland verloren gegangen war, so
dass sich die hessischen Fischzüchter die Erfahrungen
mit der Aufzucht von Lachsen erst wieder aneignen mussten.
Die
z. T. großen Probleme zu Beginn des Projektes führten
dazu, durch Risikosplitting die Lachseier auf mehrere
Fischzuchtbetriebe zu verteilen, so dass derzeit 5 Betriebe
in das Projekt eingebunden sind.
Bedingt
durch die Schwierigkeiten, geeignete Betriebe für
die Lachsaufzucht in Hessen zu finden, sind die beteiligten
Fischzüchter von Trendelburg an der Diemel über
Mittelhessen bis in den südlichen Odenwald über
ganz Hessen verteilt.
Die
Technik der Lachsaufzucht wurde nach ersten Schwierigkeiten
soweit entwickelt, dass in diesen Fischzuchtbetrieben
bis zum Herbst Überlebensraten von weit über
50 % erzielt werden können. Damit ist der Anschluss
an den internationalen Standard erreicht bzw. sogar übertroffen.

Tabelle
1: Eizahlen, Besatzfischzahlen und Aufzuchtquoten in den
Jahren 1995 bis 1999
Erste
Nachweise von Rückkehrern
Im
September 1997 gelang erstmals der Nachweis eines in der
Lahn aufsteigenden Lachses. Bedingt durch permanent erhöhte
Abflüsse in der Lahn von September bis Dezember 1998
war in dem Jahr leider kein Nachweis laichreifer Lachse
in der Lahn möglich.
Um so erfreulicher war es, dass den Fischereibiologen
von September bis Dezember 1999 insgesamt 8 Rückkehrer
ins Netz gingen. Im Herbst 2000 konnten wiederum 5 große
Lachse in der Lahn-Mündung gefangen werden.
Im
Herbst 2000 durchgeführte Kontrolluntersuchungen
in Rheinland-Pfalz zum Nachweis von Lachsbrütlingen
ergaben aufgrund genetischer Untersuchungen der Universität
Heidelberg, dass es sich bei den hier vorgefundenen Junglachsen
eindeutig um Nachkommen von Lachsrückkehrern handelt.
Der Lebenszyklus der "Lahnlachse" hat sich somit
nach mehr als 300 Jahren erstmals wieder erfolgreich geschlossen.
Anmerkung:
Der Webmaster bedankt sich für die freundliche
Bereitstellung des hier gekürzten Orginaltextes beim
Verfasser !
Ein
ausführlicher Bericht kann als pdf-Datei heruntergeladen
werden: HIER
!