HYDROGEOGRAPHIE.DE

Eine geographische Gewässerkunde des Binnenlandes

Dipl.-Geograph M. Reiss / Marburg, Lahn

Beiträge

GEWÄSSER- UND AUENLANDSCHAFTEN NATURNAH UND EIGENDYNAMISCH ENTWICKELN – DIE ARBEITSGRUPPE GEWÄSSER PRAGMATISCH IN MARBURG*

von Martin Reiss, Marburg

* veröffentlicht: Reiss, M. (2004): Gewässer- und Auenlandschaften naturnah und eigendynamisch entwickeln - Die Arbeitsgruppe "Gewässer pragmatisch" in Marburg. In: Naturkundliche Jahresberichte Marburg-Biedenkopf 21/22, S.39-48

Einleitung und Anlass

Gewässer sind ein integraler Bestandteil unserer Landschaften, die ökologische, ökonomische und soziale Mehrfachfunktionen erfüllen. Der Schutz und die Entwicklung der Ressource Wasser ist eine der wichtigsten Herausforderungen und vielleicht die bedeutendste Aufgabe des Menschen im 21. Jahrhundert (OPP 2004). Vor allem eine Harmonisierung der Konflikte zwischen Naturschutz und Wasserwirtschaft ist hierbei ein vorrangiges Ziel. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf wurde auf Ebene direkt planungsrelevanter Entscheidungsträger die Bedeutung und Notwendigkeit des Leitbildes „Naturnahe Gewässer“ erkannt und der Versuch unternommen, dieses Leitbild in der Praxis umzusetzen (MOTHES-WAGNER 2002; DIEHL 2002; DIEHL 2004). Die unterschiedlichen Nutzungsansprüche an die Gewässer führen in der Raumplanung zwangsläufig zu Konflikten und Spannungsfeldern, die es insbesondere durch eine engagierte und zielgerichtete Kommunikationsstrategie aufzuzeigen und zu lösen gilt. Aus dieser Motivation heraus hat sich am 21.2.2003 die Arbeitsgruppe Gewässer pragmatisch als offener Gesprächskreis gegründet, der behörden- und verbandsübergreifend die Grundsätze des Leitbildes zur naturnahen Gewässer- und Auenentwicklung (vgl. MOTHES-WAGNER 2002) in der Öffentlichkeitsarbeit und für Handlungsempfehlungen von Entscheidungsträgern im Gewässerschutz intensivieren möchte.

Ein Name ist Programm: Die Ziele der AG „Gewässer pragmatisch“

Pragmatisch bedeutet soviel wie „die Kunst, richtig zu handeln“. Hinsichtlich des Nachhaltigkeitsprinzips gesellschaftsbezogener Entscheidungen der Raumplanung ist das ein Vorsatz, den es gilt, mit aller Ernsthaftigkeit und mit bestem Gewissen zu verfolgen. Allerdings bedeutet pragmatisch auch, unter den gegebenen Sachzwängen wie Rechtsverordnungen, Interessenkonflikten und politischen Willensvorgaben auf der Ebene der vorhandenen Realität das Utopische umzusetzen. Im Klartext: Das Leitbild „Naturnahe Gewässer“ ist das Ziel, die Auseinandersetzung mit den Trägern öffentlicher Belange die Realität“. Es gilt also – das Ziel vor Augen – mit beiden Beinen in der Realität stehend zu handeln. Vor diesem Hintergrund eines anwendungsorientierten Ansatzes hat die Arbeitsgruppe „Gewässer pragmatisch“ folgende Ziele und Festlegungen formuliert:

- Die AG „Gewässer pragmatisch“ dient als Forum für einen Informationsaustausch der AG-Teilnehmer
- Die Grundsätze des Gesprächskreises „Lahn pragmatisch“ (MOTHES-WAGNER 2002) sollen in der AG „Gewässer pragmatisch“ vertieft und ergänzt werden.
- Neue Strategien und Methoden zur Umsetzung von Renaturierungs- und Revitalisierungsmaßnahmen sollen erarbeitet werden.
- Die Öffentlichkeitsarbeit soll intensiviert werden, um zur Akzeptanz des Leitbildes „Naturnahe Gewässer“ beizutragen
- Zur Lösung von Einzelproblemen bzw. Bearbeitung von Einzelthemen wird der Austausch mit Universitäten und Wissenschaftlern gewünscht
- Zum weiteren Informationsaustausch und zur externen Kontaktaufnahme dient die Internetdomain http://www.gewaesser-pragmatisch.de
- Weitere Medien wie Broschüren, Faltblätter etc. zur Vermittlung von Handlungsempfehlungen sollen ausdrücklich nicht erarbeitet werden.

Auch der Begriff „Gewässer“ wurde bewusst gewählt, da wir hierunter nicht nur den gesamten Wasserkörper mit seinem Gewässerbett (Sohle), sondern ebenfalls die Ufer und die Aue (und die hier integrierten Gewässerstrukturen) verstehen (vgl. DIN 1996). Fachlich besteht hier also ein Bezug zum integrativ-ökologischen Ansatz, der Gewässer als ein komplex-vernetztes Ökosystem begreift. Hierunter fallen Aspekte wie die lineare Durchgängigkeit von Fließgewässern für Lebewesen von der Quelle bis zur Mündung; die horizontale Verknüpfung mit den Ufer- und Auebereichen und deren Puffer- und Retentionspotential für das Wasser und dessen Frachten sowie die Gewässer-Strukturvielfalt; die vertikale Beziehung des Oberflächengewässers zum unterirdischen Grundwasser und zum atmosphärischen Wasser (Niederschlag) sowie die Einbeziehung von Gewässerteilsystemen innerhalb dieser linearen, vertikalen und horizontalen Vernetzung (z.B. Stillgewässer, Altarme, Flutrinnen und Quellen in der Aue). Neben den primär ökologischen Mehrfachfunktionen steht der Begriff Gewässer aber auch für vielfältige sozioökonomische Funktionen wie z.B. Freizeitnutzung, Energiegewinnung, Fischzucht, landwirtschaftliche Nutzung, industrielle Einleitungen, Landschaftsbild (emotionale Bindung), Landschaftsästhetik (Eigenart und Schönheit) und kulturhistorische Bedeutung. Das sind alles Aspekte, die aus raumplanerischer Sicht beachtet werden müssen. Es gibt also zahlreiche Interessen, aber auch der Gewässerschutz braucht eine Lobby.

Die Teilnehmer der AG Gewässer pragmatisch

Die Arbeitsgruppe „Gewässer pragmatisch“ ist eine interdisziplinäre AG, was für den integrativen Charakter von Gewässern in der Landschaft spricht. Die Berufs- und Tätigkeitsfelder der AG-Teilnehmer zeigen trotz der geringen Anzahl ein breites fachliches Spektrum, wobei durchweg alle Akteure auf ihre Weise im praktischen Gewässerschutz tätig sind.
Bisher haben an AG-Sitzungen teilgenommen (alphabetisch): Dr. Reiner Cornelius (Naturschutzbund, Projektleiter „Lebendige Fulda“), Herbert Diehl (Staatliches Umweltamt Marburg, Regierungspräsidium Gießen), Christoph Dümpelmann (Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Biologie; Sachverständiger Fischökologie), Jürgen Könnemann (Untere Naturschutzbehörde, Landkreis Marburg-Biedenkopf), Uwe Krüger (Untere Naturschutzbehörde, Landkreis Marburg-Biedenkopf), Dr. Ursula Mothes-Wagner (Auenzentrum Hessen der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.; Agentur Naturentwicklung Marburg-Biedenkopf), Martin Reiss (Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Geographie; Fa. Ga-La-Plan Marburg) und Ralf Schneider (Amt für Straßen- und Verkehrswesen Marburg, Land Hessen). Darüber hinaus waren Gäste anwesend wie zum Beispiel Prof. Dr. Christian Opp (Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Geographie) sowie Hospitanten und Praktikanten.
Zwar versteht sich die Arbeitsgruppe als offener Gesprächskreis, doch für zukünftige Themen und Arbeitsschwerpunkte sollen entsprechende Akteure und Experten gezielt als Multiplikatoren eingeladen werden.

Tätigkeiten und Arbeitsweise der AG „Gewässer pragmatisch“

Ein offener Gesprächskreis als Arbeitskonzept für eine Arbeitsgruppe muss trotz des Bedarfs an Diskussion und Disputation in erster Linie strukturiert und demnach ergebnisorientiert sein, wenn ein Ziel erreicht werden soll. So wurde vereinbart, nach einem kurzen Wissenstransfer zu aktuellen Tätigkeiten und Planungen der AG-Teilnehmer, zunächst den Themenkomplex „Öffentlichkeitsarbeit“ zu bearbeiten. Hierfür wurden Einzelthemen formuliert, die während einer AG-Sitzung von einem Teilnehmer in Form von Vorträgen dargestellt wurden. Diese Arbeitsweise hat sich als sehr nützlich erwiesen, da so die Frage diskutiert werden kann, welche Anwendung ein Thema für die jeweilige praktische Arbeit hat. Die AG hat folgende Einzelthemen bearbeitet:

Medien der Öffentlichkeitsarbeit (Ursula Mothes-Wagner)

Eine Auswahl an Medien zur Öffentlichkeitsarbeit sollte einzelfallbezogen vorgenommen werden, d.h. je nach Betrachtung der Einzelmaßnahme bzw. des durchgeführten Einzelprojekts. Hierbei steht die Schaffung einer breiten Akzeptanz in der Bevölkerung im Vordergrund. Nach Einschätzung der AG „Gewässer pragmatisch“ scheitert die Überzeugungsarbeit häufig nicht wegen einer falschen Medienauswahl, sondern vor allem bei der sprachlichen Umsetzung zur Projektdarstellung. Die Übersetzung von Fachwörtern und planerischen Zielformulierungen erscheint als entscheidend. Dies ist auch für die Sensibilisierung zur Problemdarstellung wichtig, um aufzuzeigen, warum eine Renaturierung oder Revitalisierung durchgeführt wird. Einfache Patentrezepte lassen sich nicht finden, aber eine Empfehlung kann es sein, entsprechende Medienexperten zu Rate zu ziehen. Auch die Notwendigkeit von Effizienzkontrollen (Vorher-Nachher-Vergleich) von Maßnahmen an Gewässern kann ein Kriterium für die Überzeugungsarbeit sein. Oft fehlen nämlich schlagkräftige Argumente zur Begründung der Maßnahmendurchführung in Form von Ergebnissen aus solchen Effizienzanalysen. Sinnvoll wären Effizienzkontrollen als langfristige Monitoringprogramme, die über eine Zeitspanne von 5 Jahren deutlich hinaus reichen. Als ein weiteres Medium der Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit wird von der AG „Gewässer pragmatisch“ die Informationsveranstaltung „im Gelände“, also vor Ort an der Maßnahme angesehen (Das Motto: „Tue gutes erfolgreich und rede darüber“). Hierzu sollten Akteure wie Politiker, Bürgermeister, Behördenvertreter, Unterhaltungsverbände, Interessen- und Naturschutzverbände und interessierte Bürger eingeladen werden. Ankündigungen von Vorort-Terminen können zumeist von bestehenden Pressestellen publik gemacht werden, d.h. es entstehen keine externen Kosten. Unter diese Kategorie zählen auch Vortragsveranstaltungen, die beim Landkreis Marburg-Biedenkopf (Im Lichtenholz 60, 35043 Marburg) durchgeführt werden.

Klientelbeschreibung und Interessenanalysen (Herbert Diehl)

Aufgrund der genannten Mehrfachfunktionen von Gewässern existieren auch zahlreiche Akteure am Gewässer, d.h. Personen, die nach unterschiedlichen Motivationen gewässerbezogen handeln (Akteur = Handelnder). Bezogen auf die Öffentlichkeitsarbeit und die Akzeptanzschaffung für das Leitbild „Naturnahe Gewässer“ ist es von besonderer Bedeutung, diese Akteure zu typisieren und ihr gewässerbezogenes Interesse zu analysieren, damit erkannt wird, „mit wem man es zu tun hat“. Bestimmte Teilnehmertypen (Streitlustige, Querulanten, Schüchterne, etc.) sind bei Diskussionen allgemein beschrieben (z.B. MEIER 2003) und man kann entsprechend methodisch darauf reagieren. Doch die Motivation, also das zu vertretende Interesse der Handelnden erscheint als Schlüssel zur effektiven und positiven Überzeugungsarbeit. Hierzu wurde in der AG „Gewässer pragmatisch“ die Klientel charakterisiert, mit denen wir am meisten am Gewässer zu tun haben. Dann wurden im Sinne einer „Mängelliste“ entsprechende Verbesserungsmöglichkeiten protokolliert. Das heißt, es wurde aufgezeigt und diskutiert, wie eine intensivere und verbesserte Überzeugungsarbeit mit den entsprechenden Vertretern geleistet werden kann. Wichtigstes Kriterium hierzu ist die Bereitschaft zur Diskussion. Um das Leitbild „Naturnahe Gewässer“ zu vertreten, muss unablässig mit den Akteuren gesprochen werden. Es muss darüber hinaus Klarheit bestehen, dass der Angesprochene als Partner angesehen wird, welcher nicht für sich alleine steht, und dass man sich mit den jeweiligen Kompetenzen kooperativ ergänzen kann. Zur Überzeugung stehen auch hier die Mehrfachfunktionen von Gewässern im Hintergrund. Die Kommunen müssen erkennen, dass es für sie eine Chance darstellt, trotz unterschiedlicher Nutzungsansprüche an das Gewässer eine naturnahe und dynamische Entwicklung an „ihrem“ Gewässer voranzubringen. Zumal ihnen von Seiten der Fachplanungen ein unterstützendes Projektmanagement angeboten werden kann.
Allgemein zeigt sich auch die Verknüpfung zum Thema Medien der Öffentlichkeitsarbeit (siehe oben), da sich zur verbesserungswürdigen Kommunikation bestimmte Medien, insbesondere Vorträge und Vorort-Erkundungen (z.B. im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen) anbieten.

Legendenbildung im Alltag (Christoph Dümpelmann)

Ein Phänomen in der Auseinandersetzung mit anderen Akteuren an Gewässern sind häufig wiederkehrende Verherrlichungen der Vergangenheit, die man vielleicht als „Früher-war-alles-besser“-Legenden bezeichnen kann. Innerhalb der AG Gewässer pragmatisch wurde die Frage verfolgt, wie man die fachlichen Aussagen und Fakten solcher Legenden bewerten kann, um ihnen einen Wahrheits- oder Unwahrheitsstatus zuzuordnen. Bei genauer Analyse solcher Legenden, wenn man beispielsweise Datengrundlagen recherchiert, kann man feststellen, dass es sich häufig um „falsche Wahrheiten“ handelt. So konnte Christoph Dümpelmann, der als unabhängiger Gutachter der Fischerei vom Land Hessen bestellt wird, aus seiner mehrjährigen, detaillierten Fisch-Fangstatistik nachweisen, dass die Aussage „die Fischfänge in der Lahn sind zurückgegangen“ (also gibt es auch weniger Fische) zu revidieren ist. Das heißt, ein Rückgang ist nicht zu verzeichnen, denn der Trend ist gleichbleibend. Offensichtlich scheint sich eine Selbsttäuschung fortzupflanzen. Für die Überzeugungsarbeit belegt das Thema Legendenbildung aus Sicht der AG „Gewässer pragmatisch“ eindeutig die Notwendigkeit von Effizienzkontrollen und Monitoringprogrammen an unseren Gewässern. Anhand konkreter Daten können Empfindungen von Akteuren überprüft und ggf. revidiert werden. Und das ist für die Umsetzung des Leitbildes Naturnahe Gewässer eine Schlüsselfunktion in der akzeptanzschaffenden Öffentlichkeitsarbeit.

Moderation: Techniken und Methoden (Martin Reiss)

Die Kenntnis und Methodenkompetenz von Moderationstechniken ist für die Öffentlichkeitsarbeit unablässig. Mit Hilfe der Moderation können Gespräche zu einem Ergebnis geführt werden, d.h. trotz gegensätzlicher Meinungen in Gruppen Lösungsansätze zu Problemauflösungen gefunden werden. Es können aber auch Interessenkonflikte dargestellt werden und in weiteren Prozessen einer Konfliktlösung näher geführt werden. Moderation ist eine Form der Gesprächsführung und eine Möglichkeit des Konfliktmanagements. Hierzu reichen je nach Einzelfall bereits einfache Methoden und Techniken der Moderation, die schnell zu erlernen sind. In der Praxis besteht eine direkte Verknüpfung zu den Themen „Klientelbeschreibung und Interessenanalysen“ und „Legendenbildung“, die eine wichtige Grundlagenkenntnis voraussetzen, um Gespräche entsprechend zu lenken. Vor allem zur Verbesserung der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Interessenvertretern kann die bewusste Anwendung von Moderationsmethoden oft zu einer erheblichen Effizienz führen. Aus Sicht der AG „Gewässer pragmatisch“ ist dies ein besonders defizitärer Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, zumal offensichtlich Handlungsbedarf angesichts der Forderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) besteht. Die Bewältigung der Beteiligung der Öffentlichkeit zur nationalen Umsetzung fachlicher Anforderungen aus der EU-WRRL wird das Thema Moderation auf den Plan rufen, da entsprechende Dialoge gefordert werden. Dass sich Akteure am Gewässer mit einer hinreichenden Methodenkompetenz ausstatten, erscheint ratsam und zweckmäßig. Auch innerhalb der Arbeitsgruppe erfolgt zur strukturierten Erarbeitung der Einzelthemen eine moderierte Gesprächsführung. Ergebnisse der Diskussionen werden in Sitzungsprotokollen festgehalten und bieten so einen Ansatzpunkt für die folgenden Arbeitsschritte in der AG.

Kooperationen und Transfer mit der Wissenschaft

Eine weitere AG-Sitzung wurde dem Thema „Themen zu wissenschaftlichen Projekten und Arbeiten“ gewidmet. Hierzu wurden mit Prof. Dr. Christian Opp vom Fachbereich Geographie der Philipps-Universität mögliche Kooperationen besprochen. Hierbei hat die AG „Gewässer pragmatisch“ eine Liste „potentieller Themen für Diplom- und Examensarbeiten“ zusammengetragen. Es ist zu betonen, dass die Ausrichtung solcher Arbeitsthemen in besonderem Maße anwendungs- und praxisorientiert ist. Die Klammer bildet hierbei der Wunsch der AG-Teilnehmer, entsprechend geplante und ausgeführte Projekte wissenschaftlich fundiert begleitet zu wissen. Vor allem hydrologisch-hydraulische, hydromorphologische, bodenkundliche, artenschutzbezogene und planerisch-gestalterische Aspekte stehen im Vordergrund des Interesses. Hervorzuheben ist die Notwendigkeit einer gebündelten (synoptischen) Analyse und Bewertung zahlreicher Einzelmaßnahmen im Lahneinzugsgebiet, insbesondere an den bedeutenden Zuflüssen im oberen und mittleren Einzugsgebiet. Ansätze zur Umsetzung solcher wissenschaftlichen Projekte liegen vor (AUENZENTRUM HESSEN 1998; REISS 2003) und bedürften lediglich einer einzugsgebietsbezogenen standardisiert-methodischen Zusammenfassung (Erprobung und Erarbeitung) bei Bereitstellung notwendiger finanzieller Projektzuwendungen. Hinsichtlich der Überprüfung der ökologischen und ökonomischen Effizienz von Renaturierungs- und Revitalisierungsprojekten an Gewässern unter Einbindung der Fachthemen Hochwasserschutz und naturschutzfachlicher Gewässerschutz ein zwingend anstehendes Projekt, das unter Einbeziehung der Anforderungen der Umsetzung der EU-WRRL als Modellvorhaben dienen könnte. Die AG „Gewässer pragmatisch“ als Netzwerk und Mittler von Multiplikatoren würde sich in idealer Weise anbieten.

Zusammenfassung und Ausblick

Abb.1: Zusammenfassung des Status Quo des Arbeitsprozesses der Arbeitsgruppe Gewässer pragmatisch.
Entwurf: M. Reiss

Renaturierungs- und Revitalisierungsprojekte nach dem Leitbild „Naturnahe Gewässer“ haben aufgrund der Mehrfachfunktionen von Gewässern auf verschiedenen Ebenen positive Auswirkungen. Diese Effekte müssen in vielfältiger Form über eine akzeptanzschaffende und überzeugende Öffentlichkeitsarbeit verständlich und nachvollziehbar „nach außen“ transportiert werden. Damit dieser Transfer für einen integrierten und nachhaltigen Gewässerschutz gelingt, hat sich in Marburg ein offener Gesprächskreis zu einer Arbeitsgruppe (AG Gewässer pragmatisch) gegründet. Die Arbeitsergebnisse dienen in erster Linie den AG-Teilnehmern zur Anwendung, sollen aber unbedingt Modellcharakter haben. Hierzu zählt vor allem eine verbesserte und intensivere Kommunikationsstrategie, um möglichst alle Akteure am Gewässer zu erreichen. An Beispielen aus der eigenen Praxis (Behörde, NGO, Universität) mit einem regionalen Schwerpunkt oberes und mittleres Lahn-Einzugsgebiet (vornehmlich Landkreis Marburg-Biedenkopf) werden Strategien und Arbeitskonzepte erarbeitet, um das Leitbild „Naturnahe Gewässer“ in der Öffentlichkeitsarbeit umzusetzen. In einem ersten Arbeitszyklus wurden ausgewählte Einzelthemen bearbeit und Ergebnisse protokolliert (vgl. Abb.1).


Für einen zukünftigen Arbeitsprozess sollen nun die bisherigen Arbeitsergebnisse zum Thema Öffentlichkeitsarbeit in einen neuen Zyklus eintreten, der sich speziellen Themenkomplexen widmen wird. Als vorrangiges Thema wird das „Flächenmanagement“ angesehen. Die Arbeit der AG Gewässer pragmatisch wird sich darauf konzentrieren, entsprechende Konzepte und Instrumente zu analysieren und zu entwickeln, die ein schnelleres und effektiveres Landmanagement ermöglichen. Dabei werden wir uns im Spannungsfeld „Konflikte mit der Landwirtschaft“ bewegen, wenn es darum geht, wie man an Flächen gelangt, die benötigt werden, um Renaturierungs- und Revitalisierungsprojekte auch in Zukunft an unseren Gewässern zu initiieren, zu planen und durchzuführen. Und das dort, wo die Gewässer- und Auelandschaften auf ihre naturnahe und eigendynamische Entwicklung warten.

Bemerkung und Danksagung

Der vorliegende Artikel ist zugleich ein zusammenfassendes Ergebnisprotokoll von über 1 ½ Jahren Arbeit der AG „Gewässer pragmatisch“. Auch wenn hier nur ein Verfasser namentlich zeichnet, so wäre das Ergebnis ohne die engagierte Mitarbeit aller AG-Teilnehmer gar nicht möglich gewesen. Hierfür möchte ich allen AG-Teilnehmer ausdrücklich und recht herzlich danken. Ich wünsche uns, dass wir unsere Utopie „Naturnahe Gewässer“ im Auge behalten und überall dort, wo es möglich ist Realität werden lassen. Pragmatisch eben.

Literatur

  • Auenzentrum Hessen (1998): Rahmenkonzept Kinzigrenaturierung. Pilotstudie im Auftrag des Regierungspräsidiums Darmstadt. Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, Echzell.
  • Diehl, H. (2002): Ein grober Überblick über den Stand der Fließgewässerrenaturierung im Landkreis Marburg-Biedenkopf. In: Naturkundliche Jahresberichte Marburg-Biedenkopf 19/20 – 2000/2001, S. 42-58
  • Diehl, H. (2004): Beispiele der Gewässerentwicklung in Mittelhessen durch Renaturierung und Revitalisierung. In: Opp, Chr. (Hrsg.) (2004): Wasserressourcen – Nutzung und Schutz. Beiträge zum Internationalen Jahr des Süßwassers. S. 205-213. (= Marburger Geographische Schriften 140)
  • DIN (Deutsches Institut für Normung e.V.) (Hrsg.) (1996): Wasserwesen. Begriffe, Normen. Berlin
  • Meier, H. (2003): Zur Geschäftsordnung. Technik und Taktik bei Versammlungen, Sitzungen und Diskussion. 2. Aufl. Opladen
  • Mothes-Wagner, U. (2002): Gesprächskreis Lahn pragmatisch. In: Naturkundliche Jahresberichte Marburg-Biedenkopf 19/20 – 2000/2001, S. 9-18
  • Opp, Chr. (Hrsg.) (2004): Wasserressourcen – Nutzung und Schutz. Beiträge zum Internationalen Jahr des Süßwassers. Marburg. (= Marburger Geographische Schriften 140)
  • Reiss, M. (2003): Ein integriertes ökologisch-hydrologisches Monitoring- und Bewertungsverfahren in Fließgewässer-Einzugsgebieten. Konzept zu einem Entwicklungs- und Erprobungsverfahren. Unveröffentlichtes Manuskript.

 

Adresse des Autors:

Martin Reiss
Zeppelinstr.18
35039 Marburg
E-Mail: reissm@staff.uni-marburg.de

Informationen und Kontakt zur AG Gewässer pragmatisch:

http://www.gewaesser-pragmatisch.de

 

 

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