Risikoanalyse:
Die unerträgliche Cleverness der Hochstapelei
von
VÍT KLEMEŠ (Victoria, B. C., Canada); deutsche Übersetzung
von Dr. Ralf Dannowski, Müncheberg
Vít
Klemeš: COMMON SENSE AND OTHER HERESIES - Selected Papers
on Hydrology and Water Resources Engineering. Edited by C.
D. Sellars, Canadian Water Resources Association, Cambridge,
Ontario, Canada, 2000, pp. 197-209. - ISBN 1-896513-18-2
Sect. 4.1 - Risk Analysis: The Unbearable Cleverness of Bluffing.
Risikoanalyse:
Die unerträgliche Cleverness der Hochstapelei
VÍT KLEMEŠ (Victoria, B. C., Canada)
ZUSAMMENFASSUNG
Es wird kritisch darüber nachgedacht, was bekannt und
was unbekannt ist über die hydrologischen, ökonomischen
und gesellschaftlichen Unsicherheiten, die im Prozess der
Risikoanalyse für wasserwirtschaftliche Systeme eifrig
und routinemäßig allen Arten mathematischer Fingerfertigkeit
unterzogen werden. Eine Illustration der Problemlage wird
mittels einer Realitätsprüfung für einige alltägliche
Situationen gegeben, überwiegend basierend auf der vierzigjährigen
Erfahrung des Autors. Drei simple Empfehlungen sollen der
Risikoanalyse wieder Bodenhaftung geben.
1.
EINLEITUNG
Angespornt durch die verfügbar gewordene Technologie
der elektronischen Datenverarbeitung, war der Eintritt der
mathematischen Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie in
die Unsicherheitsanalyse in Hydrologie und Wasserwirtschaft
in den 1960er Jahren kraftvoll und beispiellos. Genauso beispiellos
war ihre Nebenwirkung - ein Ausbruch von "Anwendungen"
verschiedener Scheintheorien, die durch den Computer plötzlich
so erleichtert wurden. Um die Mitte der 1970er Jahre war die
Gefahr dieses bösartigen Wachstums schon offenkundig,
und erste vereinzelte warnende Stimmen waren zu hören.
Eine der eindringlichsten und leidenschaftlichsten war die
des alten Myron Fiering von der Harvard University: "Die
Faszination der automatisierten Berechnung hat einen neuen
Satz mathematischer Formalismen gefördert, einfach weil
sie jetzt durchgerechnet werden können; wir haben uns
nicht oft genug gefragt, ob sie überhaupt durchgerechnet
werden sollten oder ob sie irgendeinen Unterschied bewirken
... wir bilden Modelle, um Modelle zu bedienen, um Modelle
zu bedienen, und mit all dieser Rechnerei, diesem akkumulierten
Abbruch, Herausmitteln, schluderigen Denken, diesen Quellen
intellektuellen Schlupfs ergibt sich die berechtigte Frage,
wie verlässlich die Endergebnisse eigentlich sind"
(Fiering 1976). Eine Teilantwort auf diese Frage wurde einige
Jahre später von Fierings Kollegen Peter Rogers gegeben,
der in einer denkwürdigen Kritik (Rogers 1983) zu einem
Buch, das Modelle für die Bewertung von auf der Wasserbeschaffenheit
basierenden Umweltrisiken beschreibt, meint, dass die Modelle
selber "riskant im Einsatz ... für praktische Fälle
oder politische Entscheidungen" seien.
Im Hinblick auf die Risikoanalyse für die Standsicherheit
von Staudämmen stellten Moser und Stakhiv (1987) fest:
"Es scheint sich eine wachsende Divergenz in der eingebürgerten
Praxis der Risikoanalyse zu entwickeln. Diese Kluft tut sich
auf zwischen den theoretischen Ansätzen der akademischen
Forschung und der pragmatischen Ausrichtung der Praxis...
Der Zwiespalt entspringt dem Streben nach traditionellen und
immer ausgefeilteren, aber eng zugeschnittenen analytischen
Techniken, die Entscheidern erlauben, für sehr abgegrenzte
und beschränkte Formulierungen komplexer sozialer Probleme
zunehmend genau zu werden."
In den dazwischen liegenden Jahren haben mathematische Modelle
zur Risikoanalyse, zu Entscheidungen unter Unsicherheit usw.
weitere Fortschritte gemacht, ihre theoretischen Grundlagen
wurden verfeinert und ihre Entfernung von der Realität
hat oft einen Grad erreicht, der einem "Punkt ohne Rückkehr"
gleicht: Sie wurden zu einem Ende in sich selbst, intellektuelle
Gesellschaftsspiele, gespielt hinter einer Fassade praktisch
klingenden Kauderwelschs. Es überrascht nicht, dass Peter
L. Bernstein (1996) in seinem hoch geschätzten Buch über
die Geschichte des Risikos argwöhnt, dass das Risikomanagement
außer Kontrolle geraten sei, weil Menschen blindes Vertrauen
in Formeln setzen. In der Tat ist man, Rogers umformulierend,
versucht zu sagen: "Vertrauen in die so genannten rigorosen
mathematischen Ansätze der Risikoanalyse könnte
das größte Risiko für die Planung und Bemessung
von Wasserbewirtschaftungssystemen bedeuten", eine Feststellung,
die eher sachlich als flapsig gemeint ist.
Diese Behauptung beruht auf folgenden Fakten: (1) mathematisch
strenge Risikoanalyse verlangt eine präzise Spezifizierung
der Wahrscheinlichkeiten, die mit den unterschiedlichen physikalischen
und sozialen Ereignissen und analysierten Prozessen verbunden
sind; (2) diese Wahrscheinlichkeiten sind nur sehr näherungsweise
bekannt, und ihre durch mathematische Gleichungen für
ihre Beschreibung implizierte "Exaktheit" ist reine
Einbildung; (3) Unsicherheit über diese Wahrscheinlichkeiten
ist nicht verminderbar und kann nicht durch Erhöhung
der mathematischen Strenge ihrer Beschreibung und Schätzung
aus empirischen Daten beseitigt werden; (4) unter den sich
gegenwärtig rapide verändernden Bedingungen wird
eine glaubwürdige Schätzung dieser Wahrscheinlichkeiten
noch trügerischer; (5) als Ökonom stellte F. Knight
in den früheren Jahren des 20. Jahrhunderts fest, es
gehe mehr um Risiko als um bloße Wahrscheinlichkeit
- und die oft bizarren äußeren Umstände, die
reale Unsicherheiten prägen und die "rationalen
Wahrscheinlichkeiten" über den Haufen werfen, sind
kein bisschen mehr rational, kontrollierbar und vorhersagbar
geworden.
Das Ergebnis ist ein ebenso gefährliches wie ironisches
Paradoxon: Während die Theorie immer ausgefeilter und
rigoroser wird, werden ihre Annahmen, die sie so gewissenhaft
pflegt, weniger und weniger glaubwürdig. Was als Streben
seinen Anfang nahm, mehr Objektivität, Erfahrung und
Realismus in den Umgang mit Unsicherheiten des wahren Lebens
zu bringen, hat sich gewandelt zur prahlerischen Gerissenheit
von Spielen mit probabilistischen Schimären, heraufbeschworen
"für praktische Zwecke" und, neuerdings, mit
"Szenarios", die oft nur einen Mix aus Ignoranz
und Banalitäten als zutiefst wissenschaftlich begründete
"Möglichkeiten" verschleiern.
2.
FÜR PRAKTISCHE ZWECKE...
Es ist ein Axiom, dass theoretische Probleme, wie schwierig
sie auch immer sein mögen, einer theoretischen Analyse
zugänglicher sind als praktische. Ein theoretisches Problem
liegt voll und ganz in den Händen des Analytikers. Er
formuliert es, gibt die Axiome und Annahmen vor, die seinen
Ansatz umreißen, und bestimmt die Spielregeln. Bei einem
praktischen Problem liegen die Dinge schwieriger, weil der
Analytiker wenig Kontrolle über sie hat. Das Problem
ist von der Außenwelt formuliert, von der Natur, der
Gesellschaft. Seine Lösung hat die Regeln dieser Außenwelt
zu befolgen - die Gesetze, unter denen die natürlichen
und sozialen Prozesse ablaufen und die der Analytiker nicht
beliebig schaffen und auferlegen, sondern bestenfalls aufdecken
kann - eine oft geflissentlich übersehene oder ignorierte
Tatsache.
Dieses Aufdecken ist Auftrag der empirischen Wissenschaften.
Kumulativ schaffen diese Entdeckungen das zu berücksichtigende
Wissen, und seine Gesamtheit gibt die Beschränkungen
für die Theorie eines jeden realen oder praktischen Problems
vor. Hier erreichen wir die Weggabelung, an welcher der Pfad
der Spekulation von dem der Wissenschaft abzweigt. Hier sollte
eine gut sichtbare Hinweistafel aufgestellt werden, auf der
die folgende Maxime des Konfuzius zu lesen ist, ein Leitspruch,
der Basis für den Ethikkodex einer jeden Wissenschaft
sein sollte:
Wenn du etwas weißt, dann merke dir, dass du es weißt;
wenn nicht, dann erkenne das an - das ist Wissen.
Wie andere Lebensregeln, so ist auch diese nur ein Ideal,
eher ein Licht auf dem Wege denn ein leuchtender Gipfel, aber
sie ist ein dienlicher Wegweiser zur redlichen wissenschaftlichen
Praxis und ein Schutz vor ihrem Missbrauch.
Vielleicht nirgendwo sonst ist ein solcher Schutz nötiger
als in theoretischen Analysen der den realen Situationen inhärenten
Unsicherheiten und der Risiken (für menschliches Leben,
Besitz, Umwelt, Sicherheit usw.), die unsere Reaktionen auf
diese Situationen nach sich ziehen. Denn hier sind wir dabei,
einen sehr anspruchsvollen, wenn nicht unmöglichen Auftrag
in Angriff zu nehmen: eine quantitative Schätzung des
Grades unserer Ignoranz. Zu wissen, wie viel wir nicht wissen,
das zu messen und zu wägen - ist das nicht eigentlich
eine Selbsttäuschung, ein arroganter Anspruch, ein Oxymoron
(Widerspruch in sich - d. Ü.)? Selbst wenn wir die Gesamtheit
des Erkennbaren wüssten, wie könnten wir davon das
schon erlangte Wissen subtrahieren, um den noch ausstehenden
Betrag an Ignoranz zu ermitteln - was nötig wäre,
um den Grad der Unsicherheit zu bestimmen und die Risiken
zu beziffern?
Im Reich der wasserwirtschaftlichen Systeme wird dieser herkulische
Auftrag oft trivialisiert durch Beschwören der magischen
Formel
"Für praktische Zwecke..."
Zieht man die extreme Sorgfalt in Betracht, mit der Mathematiker
zu Werke gehen, bevor sie sich an irgendeine rigorose Analyse
wagen - ungeachtet der Tatsache, dass sie gewöhnlich
keine praktische Nützlichkeit ihrer Ergebnisse über
einen "ästhetischen Wert" hinaus anstreben
-, so würde man annehmen, dass jemand, der praktische
Verwendungszwecke für eine Analyse anführt, von
deren Ergebnissen Menschenleben, wirtschaftlicher Wohlstand
und Umweltqualität abhängen können, mit verdoppelter
Sorgfalt vorgehen würde. Man sollte erwarten, Sätze
zu hören wie "Während die Theorie der Risikoanalyse
höchst interessant ist, hat sie nur wenig Wert für
praktische Zwecke, weil ihre Grundbausteine nicht zuverlässig
quantifiziert und oft nicht einmal definiert werden können...",
oder "Für irgendwelche praktischen Zwecke müssten
so viele nicht verifizierbare vereinfachende Annahmen getroffen
werden, dass keine rigorose Analyse zulässig ist und
Entscheidungen zu realen Risikosituationen von anderen Betrachtungen
geleitet sein müssen" - oder so ähnlich. Nicht
jedoch, oder zumindest noch nicht, im Zusammenhang mit der
Risiko- und Unsicherheitsanalyse wasserwirtschaftlicher Systeme.
Hier wird die magische Formel "für praktische Zwecke..."
angerufen, um in ein und dem selben Atemzuge zwei schreiende
Widersprüche unter einen Hut zu bringen.
Auf der einen Seite dient sie als Lizenz für die großzügigste
Behandlung grundlegender Fragen, im Besonderen für den
Austausch der tatsächlich unbekannten gegen einige eigenmächtig
postulierte fiktive Wahrscheinlichkeitswerte, wodurch die
eigentlichen Unsicherheiten, deren Analyse vorgegeben wird,
unter den Teppich gekehrt werden.
Auf der anderen Seite wird sie als Lizenz betrachtet, sich
in der gründlichsten und ausgefeiltesten mathematischen
Massage jener fiktiven probabilistischen Schimären zu
ergehen, die "strengsten", "effektivsten",
"unvoreingenommensten", "die größte
Wahrscheinlichkeit liefernden" usw. Prozeduren zur "Extraktion
der größtmöglichen Information" aus ihnen
anzuwenden. Man möchte naiv fragen: Information? Worüber?
Vielleicht über die Vorstellungskraft des Analytikers?
Natürlich nicht! Über genau jene Dinge, die unter
den Teppich gekehrt worden waren - sollen wir glauben.
Clever! Unerträglich clever! Magisch? Nein, Hochstapelei.
Überraschenderweise, so durchscheinend er ist (man muss
kein Konfuzius sein, um ihn zu durchschauen), wird dieser
Bluff selten beim Namen genannt. Vielleicht gibt es keine
Kinder in der Runde, die rufen könnten "Der König
ist ja nackt!" - oder vielleicht haben sie ihre Ph.D.s
in Risikoanalyse abgeschlossen, bevor sie sprechen gelernt
haben.
Es ist wahr und gewöhnlich unvermeidbar, dass beim Versuch
der Lösung eines komplexen praktischen Problems vereinfachende
Annahmen zu treffen sind. Aber dabei gilt es, die sich daraus
ergebenden Konsequenzen zu durchdenken und zu beachten. Zuallererst
reduzieren sie nicht die dem Problem inhärente Unsicherheit,
ganz im Gegenteil: sie erhöhen sie durch Einführung
neuer Unbekannter. Deshalb diktieren sie die Verwendung eines
gröberen Maßstabs, keines feineren. Und, glauben
Sie's oder nicht, außerhalb akademischer Kreise ist
das ziemlich gut bekannt! Beispielsweise würde doch ein
Holzfäller, der für den praktischen Zweck der Volumenbestimmung
einen Baumstamm vereinfacht als Zylinder zu betrachten gedenkt,
dessen Durchmesser und Länge ein-, vielleicht zweimal
messen und den Durchschnitt nehmen. Es wäre wohl recht
schwierig, ihn dazu zu überreden, zwanzig Messungen mit
einem Mikrometer vorzunehmen, die beiden Parameter aus dem
Entropiemaximum zu schätzen und das Volumen auf sieben
Dezimalstellen zu berechnen, um aus den Daten "die größtmögliche
Information zu extrahieren".
Um fair zu sein, Hochstapelei durch Verstecken eines Mangels
an Substanz hinter aufpolierter Oberfläche und aufgeblasener
Erscheinung ist nichts Neues, nur die Verwendung von "Theorie"
zu diesem Zweck ist eine relativ neue überraschende Wendung
in dem alten Spiel - Don Quixote machte so etwas mit einem
alten Helm,
als er ihn gesäubert und ausgeflickt hatte so gut er
konnte, bemerkte er, dass ein Stück Material fehlte;
denn anstelle eines vollständigen Helms fand sich da
nur ein einzelnes Kopfstück: jedoch mit Fleiß und
Einfallsreichtum schloss er diese Lücke; so fertigte
er also mit Hilfe eines Pappdeckels eine Art Biberhut oder
Visier, das, befestigt am Kopfstück, dieses wie einen
vollkommenen Helm aussehen ließ. Danach, um zu ermessen,
ob es im Kampfe bestehen würde, zog er sein Schwert,
um dessen Schneide an dem Pappvisier zu erproben; doch zu
seinem Unglück riss er mit dem ersten Streich, in einem
einzigen Augenblick, das Werk einer ganzen Woche Arbeit ein.
Nun wollte ihm aber die Leichtigkeit gar nicht gefallen, mit
der er es hatte zerstören können, und deshalb, um
sich vor ähnlichem Ungemach zu sichern, baute er es von
neuem auf und umgab es mit eini-gen Eisenstäben, welche
er an der Innenseite derart kunstvoll befestigte, dass er
allen Grund zur Zufriedenheit mit der Tüchtigkeit seines
Werkes verspürte; und solchermaßen, ohne jegliche
weitere Probe, beschloss er, es solle hinfort allen Absichten
und Zwecken eines vollwertigen und hinreichenden Helmes genügen.
(Cervantes 1605)
Wenn uns die Ausführung dieses Helms irgend etwas sagen
kann, dann sind die gängigen Risikoanalysemodelle, so
kunstvoll garniert mit all der Rigorosität, wohl auch
dazu bestimmt, Geschichte zu machen.
3.
SZENARIEN ZU KLIMAÄNDERUNGSFOLGEN: VOM BLUFF ZUM META-BLUFF
Szenarios sind ein sehr ernsthaftes Geschäft. Sie versuchen,
in quantitativer Form Varianten künftiger Ereignisse
zu beschreiben, die - basierend auf dem gegenwärtigen
Wissen und Verständnis - begründet zu erwarten sind.
Das ist eine ehrgeizige Aufgabe, stärker Unsicherheiten
ausgesetzt und deshalb viel schwieriger als die plausible
Rekonstruktion historischer Abläufe und Ursachen gegenwärtiger
Ereignisse, das Hauptziel traditioneller Wissenschaft. Mehr
noch, da es der Zweck von Szenarios ist, Anleitung zum Handeln
zu bieten (im Gegensatz zu dem der Wissenschaft, die vor allem
der Ansammlung von Wissen dient), vereint sich hier äußerste
Schwierigkeit mit äußerster sozialer Verantwortung.
Das ist gut bekannt in handlungsorientierten Disziplinen,
wie Ingenieurwesen oder Kriegskunst, wo Entscheidungen (Bemessungs-
und Betriebsparameter, Krisenpläne usw.), die auf einem
unrealistischen Szenario basieren, zu Unannehmlichkeiten und
Katastrophen wohl zu Lebzeiten ihres Verursachers führen
können, der sich dann unvorteilhaften Konsequenzen gegenüber
sieht, einschließlich Arbeitsverlustes, Geldbußen,
Kerkerzeiten, ja selbst Todes-strafen. Verständlicherweise
wurde die Konstruktion von Szenarios seit jeher mit allergrößter
Vorsicht angegangen und war nur Gremien höchst erfahrener
und sachkundiger Fachleute anvertraut.
Wie auch immer, Status und Glaubwürdigkeit von Szenarios
sind in den letzten Jahren beträchtlich erodiert worden,
und meiner Meinung nach tragen einen Großteil der Schuld
daran ihr weit verbreiteter Missbrauch und ihre Trivialisierung
in der Modellierung von Klimaänderungsfolgen. Hier wurde
das durch konspiratives Zusammenspiel mehrerer Faktoren möglich,
nämlich (1) der langen Zeithorizonte (typisch über
fünfzig Jahre), die die Autoren von jeglichem persönlichem
Risiko lossprechen, das mit der eventuellen Widerlegung ihrer
Schöpfun-gen verbunden wäre, was ihren Verantwortungssinn
aushöhlt und sie zu ungeniertem Vorgehen ermuntert; (2)
der Bereitschaft, motiviert entweder aus ernsthaftem gutem
Willen oder aus wohlkalkuliertem Eigennutz, politischem oder
von Wirtschaftsinteressen geleitetem Druck nachzugeben und
Antworten auf Probleme zu geben, die weit über den gegenwärtigen
Wissensstand hinausgehen (wie von Rogers [1983] und Klemeš
[1991] diskutiert); und (3) der Leichtigkeit, mit der jetzt
Szenarios unter Einbeziehung von "Einwirkungen (impacts
- d. Ü.)" oder beliebig unterstellten "Klimaänderungen"
selbst von Amateuren und Dilettanten produziert werden können,
deren Problemverständnis nicht über die Fähigkeit
hinausreicht, in die verschiedenen Modelle, auf die sie Zugriff
erlangt haben mögen, ein paar "DO-Schleifen"
einzubauen.
Dies hat zu einem Metabluff geführt, wo es - im Gegensatz
zu der oben beschriebenen einfachen Hochstapelei - nicht die
verschiedenen fragwürdigen Approximationen realer (historischer)
Ereignisse sind, die akribisch aufpoliert und als strenge
Wissenschaft präsentiert werden, sondern Gebräue
aus beliebigen und oft physikalisch inkongruenten Änderungen
von Modellparametern, Prozessrealisierungen, die unter den
bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht
realisierbar sein werden.
Andererseits können selbst verantwortungsvolle und professionelle
Versuche der Konstruktion von Szenarien kontraproduktiv sein,
wenn die wissenschaftliche Basis nicht der Komplexität
des anstehenden Problems gerecht wird. Solches Streben kann
dann darin münden, das offensichtlich Bekannte in einer
ungerechtfertigt verschlungenen Art und Weise he-rauszufinden,
nicht unterscheidbar von vorsätzlicher Hochstapelei.
Letzteres kann an folgendem Beispiel illustriert werden: Oft
ist herausgestellt worden (z. B. Klemeš 1982, 1991, 1992;
Rogers 1991, Kennedy 1991), dass sich über die hydrologischen
Wirkungen eines möglichen Klimawandels nicht viel mehr
sagen lässt, als dass er eine weitere Quelle für
Unsicherheiten in die Wasserbewirtschaftung einführt.
Im Besonderen fasste ich die Errungenschaften einer Dekade
"Klimaänderungsfolgen"-Modellierung so zusammen:
"Im Wesentlichen die einzige zuverlässige Information,
die aus den komplexen hydrologischen Modellübungen zur
Klimavariabilität und -änderung gewonnen wurde,
ist die, dass weniger Wasser zur Verfügung stehen wird,
wenn das Klima trockener wird (und umgekehrt für feuchteres
Klima). Mir scheint, dass nicht viel Wissenschaft nötig
ist, um das he-rauszufinden" (Klemeš 1990). Fünf
Jahre und eine unermessliche Zahl wissenschaftlicher Szenarien
später teilt uns das Intergovernmental Panel on Climate
Change (1995) mit, dass es eines "enormen intellektuellen
und physischen Einsatzes ... von Wissenschaftlern und anderer
Experten weltweit" bedurfte, zu Schlussfolgerungen zu
gelangen wie dieser: "Intensiverer Niederschlag würde
dazu tendieren, den Abfluss und das Hochwasserrisiko zu erhöhen
... Ein wärmeres Klima könnte den Anteil von Schnee
am Niederschlag verringern ..."
O, sancta simplicitas!
4.
ZUM LOBE DER THEORIE UND ROBUSTER ERGEBNISSE
Als ich vor vierzig Jahren das berühmte Buch zur stochastischen
Speichertheorie des alten Professor P. A. P. Moran (1959)
ins Tschechische übersetzte, war ich beeindruckt von
seinen wiederholten Vorbehalten gegenüber ihrer praktischen
Anwendbarkeit. Schon in dem kurzen Vorwort trifft man auf
Aussagen wie "Da es schwierig ist, explizite Lösungen
für den endlichen Staudamm zu finden, versuchen wir,
das Problem zu vereinfachen. ... Die Annahme eines Zuflusses
vom Typ III eines additiven Prozesses ist mit Sicherheit weit
entfernt von jeder praktischen Plausibilität. ... Diese
einfache Annahme wird in der Praxis nicht oft zutreffen. ...
Es ist unwahrscheinlich, dass die dem Modell zugrunde liegenden
Annahmen in der Praxis hinreichend gut verifiziert sind. ..."
usw., dabei kommt nur die eine bescheidene Hoffnung zum Ausdruck,
"dass die in diesem Buch vorgestellte Theorie hilfreich
sein möge, wenn auch nur als Hintergrundwissen für
diejenigen, die sich mit praktischen Problemen befassen. ..."
Ungeachtet Professor Morans Bescheidenheit ist es genau dieses
Hintergrundwissen, das ein sehr wertvolles Kapital für
den Praktiker darstellen kann. Der Wert guter Theorie liegt
in der Unterstützung eines breiten und tiefen allgemeinen
Verständnisses, nicht in der Bereitstellung eines detaillierten
Rezepts für die Lösung eines jeden speziellen Problems.
Gute Theorie hilft dem Praktiker, ein Problemgefühl zu
entwickeln, und liefert einen robusten Rahmen für die
Lenkung seines Urteils, für die Unterscheidung der Spreu
vom Weizen.
Morans Buch bietet dafür selbst mehrere Beispiele. So
führte eines der theoretischen Ergebnisse Moran zu der
Folgerung, dass die Verteilung des Speichervermögens
"nicht von der exakten Form der [ganzen] Verteilung [des
Zuflusses] abhängt ...", so dass "... das Wahrscheinlichkeitsverhalten
des Staudamms hauptsächlich von der Form und Lage des
Hauptteils der Verteilung [des Zuflusses] und nicht von ihrem
Auslaufbereich abhängt" (S. 43).
Ein anderes Beispiel bezieht sich auf die Bestimmung der Wahrscheinlichkeiten
extremer Hochwässer - ein fundamentales Problem der wasserwirtschaftlichen
Risikoanalyse. Dazu fasst Moran das von der Theorie bereitgestellte
Hintergrundwissen mit folgenden Worten zusammen: "...
es gibt keinen Grund, warum [die gewöhnlich angepassten
einfachen] Verteilungen mit beobachteten Reihen übereinstimmen
sollten. ... Wichtig ist zu erkennen, dass in diesem Verfahren
zwei Typen von Fehlern stecken, der eine daraus resultierend,
dass wir die wahre Form von f(x) nicht kennen, der andere
daraus, dass die Parameterschätzung auf einer endlichen
(und gewöhnlich kleinen) Zahl von Beobachtungen beruht.
Diese Fehler sind essenziell und lassen sich nicht vermeiden.
... die Form des Auslaufbereiches von f(x) ... liegt gewöhnlich
außerhalb des beobachteten Bereiches und kann nur erraten
werden. Kein Einsatz mathematischer Fingerfertigkeit kann
diese Unsicherheit beseitigen" (S. 94-95; Hervorhebungen
durch den Autor).
Solche Folgerungen, basierend auf einer rein theoretischen
Analyse, sind von erstrangiger praktischer Bedeutung: Sie
entlarven all jene Aufschneidereien über den angeblichen
Bedarf an mathematischer Fingerfertigkeit zur Anpassung von
Verteilungsmodellen and Abflussdaten für die praktische
Risikoanalyse des Speicherverhaltens: Steht das Risiko des
Trockenfallens eines Speichers im Vordergrund, so ist nichts
daran, weil viele verschiedene theoretische Verteilungen recht
gut in der Lage sein werden, den Körper der empirischen
Abflussverteilung ordentlich zu beschreiben, so lange sie
Mittelwert und Varianz der Daten reproduzieren. Wenn andererseits
das Überflutungsrisiko interessiert, ist sie irrelevant,
da die aufzupolierenden Verteilungen ohnehin Schätzcharakter
haben.
In den letzten rund vierzig Jahren hat die theoretische Forschung
eine Anzahl ähnlicher robuster Ergebnisse hervorgebracht,
die zur Risikoanalyse für wasserwirtschaftliche Systeme
verwendbar sind. Eines der letzten mir geläufigen Beispiele
geht auf Professor E. H. Lloyd zurück, Hydrologen wohl
bekannt durch seine grundlegenden Beiträge zur stochastischen
Reservoirtheorie. In Erkenntnis der Tatsache, dass uns die
Verteilung Typ F für hydrologische Extreme gewöhnlich
unbekannt ist, leitete Lloyd (1996) eine einfache Formel für
das Konfidenzintervall der Überschreitungswahrscheinlichkeit
P1 der größten, das heißt Rang-eins (jährlichen)
Beobachtung aus einer n-jährlichen Reihe ab unter der
Annahme, dass F unbekannt sei. Lediglich unter Beibehaltung
der Annahme der Unabhängigkeit (der gewöhnlich durch
die Daten nicht widersprochen wird), fand er untere und obere
Grenze eines (zentralen) Konfidenzintervalls von P1 zu 1 -
(1 - q)1/n und 1 - q1/n (bei einer Intervallbreite von 1 -
2 q). Damit reicht z. B. für n = 50 das 95 %-Konfidenzintervall
von P1 (üblicherweise durch den Erwartungswert 1/(n +
1) seiner Verteilung geschätzt, d. h. in diesem Fall
P1 = 1/51 = 0,0196) von 0,0005 bis 0,071. Mit anderen Worten,
wir können das "wahre" Rückkehrintervall
unseres "beobachteten 50-Jahres-Ereignisses" nicht
besser schätzen als zu sagen, dass es mit 95 %-iger Wahrscheinlichkeit
irgendwo zwischen ungefähr 14 und zweitausend Jahren
liegt. Alles über diese Art Spezifizierung hinaus ist
Spekulation, ungeachtet aller mathematischen Zaubertricks,
mit denen es gewonnen sein mag.
Robuste theoretische Ergebnisse wie diese haben wenig Chancen,
zitiert (um nicht zu sagen empfohlen!) zu werden von jenen,
die ihre Karrieren auf der strengen Risikoanalyse aufgebaut
haben, und zwar aus guten Gründen: Gib oder nimm ein
Dutzend solcher Ergebnisse, und die Risikoanalyse-Experten
können einpacken und nach Hause gehen. In der Tat stellen
robuste theoretische Ergebnisse ein großes Risiko für
das aufkeimende Geschäft der akademischen Risikoanalyse
dar. Darum lasst uns diesen Abschnitt mit der geheimen Version
des Paternosters des akademischen Risikoanalytikers beschließen:
Vater unser,
Unsere tägliche Arbeitsplatzsicherheit gib uns heute,
Führe uns nicht in Versuchung, der Wirklichkeit zu begegnen,
Und erlöse uns von den robusten Ergebnissen,
Amen.
5.
EIN REALITÄTSTEST
Die furchterregendste Kraft, die im Herrschaftsbereich des
wasserbezogenen Risikos wirkt und die prunkvolle Hochstapelei
wie gleichermaßen die wohlbegründete Theorie unter
ihren Füßen zermalmt, ist die Nackte Realität.
Moser und Stakhiv (1987) nennen sie differenzierter "komplexe
soziale Probleme", aber diese galante Umschreibung nimmt
ihr nichts von ihrer groben und brutalen Natur und Zerstörungskraft.
Von Anbeginn sei klargestellt, dass die folgenden Beobachtungen
über diese Kraft und ihre Wirkungen für theoretische
Zwecke von geringer Bedeutung sind. Sie sind einfach durch
eine einzige vierzigjährige Aufzeichnung eines nichthomogenen
und hoch nichtstationären Prozesses mit vielen Datenlücken
abgedeckt. Aber sie mögen einigen Wert für rein
praktische Zwecke haben.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fiel mir ein Buch in die Hände,
das die so genannten Sieben Wunder der Neuen Welt beschrieb.
Unter diesen waren das Taj Mahal, das Empire State Building,
der Panamakanal, aber das für mich beeindruckendste (noch
heute) war der Hooverdamm.
Zehn Jahre später arbeitete ich in der Talsperrenabteilung
des Zentrums für Entwicklung der Wasserressourcen in
Brno an der Vorplanung meines ersten Staudamms. Mit seinen
zehn-oder-so Metern Höhe war er kein wirklich neues Weltwunder,
aber dann sollte er nicht einmal gebaut werden. Ich verstand
das nicht, da die Kosten-Nutzen-Rechnung sehr günstig
ausfiel, der Wasserbedarf, dessen Deckung er dienen sollte,
schien mir echt und unumstritten, und die Risiken, die er
abwenden sollte, schienen klar und sozusagen jenseits begründeter
Zweifel. Dennoch, von einem Tag auf den anderen und mit einem
Federstrich irgendwo in den höchsten Sphären der
Bürokratie, wurden all die Risiken und Vorzüge scheinbar
weggezaubert und die Arbeit am Staudamm eingestellt: Es gab
da einfach eine "Änderung der Prioritäten",
und ich wurde angewiesen, an einem anderen Damm zu arbeiten.
Um jene Zeit hatte ich etwas gelesen, das ich noch immer für
eines der besten Bücher hal-te, die je zu Bemessung und
Betrieb von Speicherseen geschrieben wurden, die Water Resources
Computations von Kritskiy und Menkel (1952), in dem das Konzept
des aus hydrologischen Unsicherheiten resultierenden Risikos
zum ersten Mal explizit mit der Wirtschaftlichkeit des Projekts
verbunden wurde. Sie legten nahe, dass es möglich sein
sollte, zu optimalen Sicherheitsniveaus für die Speicherbewirtschaftung
zu gelangen, indem die Verluste infolge Wasserknappheit auf
die Kosten zu ihrer Vermeidung bezogen würden, und verwiesen
darauf, dass Bemühungen in dieser Richtung in den Kinderschuhen
steckten. Hier tat sich eine Chance zur Anhebung des wissenschaftlichen
Niveaus der Risikoanalyse auf, und ich war erpicht darauf,
sie zu ergreifen!
Da die hydrologischen Unsicherheiten kein echtes Problem zu
sein schienen (zeitgenössische Hydrologie-Lehrbücher
stellten beispielsweise die Pearson III-Verteilung als eine
Art physikalische Gesetzmäßigkeit für die
Jahresdurchflüsse dar), schien mir alles noch Erforderliche
eine genaue Ermittlung der auf Wasserknappheit bezogenen Verluste
in verschiedenen Wirtschaftsbereichen zu sein. Ich wollte
das für jenes Gebiet zu tun, für das unser Amt zuständig
war, und glaubte an eine ziemlich überschaubare Übung:
Unser Amt hatte die Daten zum Wasserbedarf der einzelnen Bedarfsträger
(sie waren die Grundlage unserer Vorschläge zu neuen
Staudämmen) wie auch die historischen Durchflussganglinien,
so wusste ich genau, wo und wann Wasserknappheit auftrat.
Mit diesen Daten in der Tasche fuhr ich in Stahlwer-ke, Kohlengruben,
Chemiefabriken, Raffinerien usw., um die Verluste aufzuspüren,
die diese Engpässe in der Wasserverfügbarkeit verursacht
haben mussten.
Nach mehreren Monaten solcher Detektivarbeit stand ich mit
leeren Händen da. Verluste traten entweder nicht auf
(die offiziellen Wasserbedarfszahlen waren zu hoch angesetzt,
um "auf der sicheren Seite zu sein"); oder es wurde
behauptet, sie seien "innerhalb normaler Pro-duktionsschwankungen",
verursacht durch andere Faktoren wie Stromabschaltungen, Arbeitsbummelei,
Anlagenausfall usw.; oder sie wurden überbrückt
durch Sofortmaßnahmen, wie Notkreislaufführung
von Kühlwasser (was eine leichte, aber akzeptable Überhitzung
der Anlagen zur Folge hatte), Herunterfahren eines Teils der
Produktionsanlagen und Durchführen der "planmäßigen
Instandhaltung" darin, Senden von Beschäftigten
in ihren Jahresurlaub ("sie hätten ihn früher
oder später sowieso nehmen müssen"); oder sie
wurden verdeckt durch ausgeklügelte Buchführungsverfahren,
um nicht Prämienzahlungen für "100-prozentige
Planerfüllung" zu gefährden; oder die wirklich
verzeichneten Verluste wurden eifrig bestritten und weggeredet,
sobald ich fragte, ob das Werk gewillt sei, sich an den Kosten
für ihre Vermeidung durch einen neuen Staudamm zu beteiligen
(Talsperren wurden normalerweise aus dem Staatshaushalt finanziert);
oder Informationen wurden mir unter den verschiedensten Ausreden
vorenthalten, wenn zwielichtige Praktiken eine Rolle gespielt
hatten oder nachteilige Auswirkungen meiner Erkundungen vermutet
wurden.
Mein Bericht machte meinen Leitern beträchtliche Kopfschmerzen,
gerade weil er Licht auf einige reale Unsicherheiten scheinen
ließ und, sofern weiter bearbeitet, die ganze Art und
Weise, in der unser Amt seinen Aufgaben nachging, empfindlich
unterminieren konnte. Noch wichtiger, er konnte die vielen
fragwürdigen Praktiken ans Tageslicht bringen, die "unserem
entwickelten sozialistischen System" innewohnten, aber
sicherer hinter verschlossenen Türen zu halten waren.
Um diese realen Risiken zu mindern, bekam mein Bericht den
Stempel VERSCHLUSSSACHE aufgedrückt und wurde archiviert
- für jegliche praktische Zwecke hörte er einfach
auf zu existieren, insbesondere auch für mich, der ich
keine Freigabe zum Arbeiten mit eingestuften Dokumenten hatte.
Erst später zwängte ich einen Absatz über meine
Untersuchungsergebnisse in meine Dissertation zum "Kandidaten
der Wissenschaft" (Klemeš 1963), in dem ich die "oft
sehr engen und falschen Sichtweisen der ökonomischen
Effektivität" herausstellte.
Und so erfuhr ich meine erste praktische Lektion über
die realen Risiken und Unsicherheiten in der Wasserwirtschaft.
Nicht aber dass der Leser irre! Die obige Geschichte ist nicht
einfach ein irrelevantes Fossil aus einer bizarren und jetzt
verschwundenen Welt. Ähnliche Situationen kehren immer
wieder, in verschiedener Verkleidung, überall um uns
herum, gut versteckt und nicht existent "für praktische
Zwecke". Hier mal noch ein weiteres Beispiel: Zwischen
1977 und 1984 wurden in New South Wales Überflutungskarten
erarbeitet, die die Ausdehnung 20- und 100-jährlicher
Hochwässer darstellen, um hydrologische Risiken für
die Erschließung der Flussau-en zu identifizieren. In
der Folge jedoch wurde es Landbesitzern auf jenen Flächen
zunehmend schwerer, Entwicklungsdarlehen abzusichern, und
um 1984 wurde ihr Druck so groß, dass der Premierminister
in seiner Wahlkampfrede verkündete, derartige Karten
existierten nicht und irgendwelche existierende seien zurückgezogen
worden. Und so kam es. Man kann sie nicht vom Staat bekommen,
und offiziell existieren keine mehr (die Uni hat einen fast
vollständigen Satz). Und die Darlehen gibt's wieder,
und an einer anderen Universität, paar Meilen weiter,
erzielt staatlich geförderte (unterstelle ich mal) Forschung
zu Bayesschen, robusten, höchst effizienten usw. Methoden
zur Bestimmung der Hochwasserwahrscheinlichkeit weitere Durchbrüche.
Kehren wir von Hochwässern wieder zu Dürreperioden
zurück. Einer meiner nächsten Staudämme war
zur Aufhöhung von Niedrigabflüssen für eine
Anzahl von Wasserbedarfsträgern vorgesehen, jeder gestützt
durch Geltendmachung drastischer wirtschaftlicher Konsequenzen,
sobald der Bedarf nicht gedeckt werde. Der Staudamm, zu errichten
in einer engen Schlucht, die sich zu einem breiten Tal weitete,
hatte eine herausragende "ökonomische Effektivität"
auf der Grundlage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, aber
er hatte auch die verheerendsten immateriellen Wirkungen,
einschließlich einer tiefgreifenden Zerschneidung der
gesamten sozialen Struktur des Gebietes in der Folge schwerer
Beeinträchtigungen seiner landwirtschaftlichen Grundlagen,
Umsiedlung mehrerer Hundert Einwohner aus fünf Dörfern
und der Verkrüppelung des Jahrhunderte alten örtlichen
talquerenden Wegenetzes, der Flu-tung einmaliger Aragonit-Höhlen
und der Zerstörung eines hoch geschätzten Thermalbads.
Obwohl jedermann wusste, dass der Staudamm nicht an jener
Stelle gebaut werden sollte, gab es keine Möglichkeit
ihn zu stoppen, da die ökonomische Effektivität
das einzige offiziell anerkannte Kriterium, ein Dogma des
kommunistischen Regimes war. Es herauszufordern durch Aufzählung
immaterieller Werte, wäre als "reaktionärer
Idealismus" gebrandmarkt und als "Sabotage des sozialistischen
Aufbaus" verfolgt worden - und ich hatte schon meine
Lektion in praktischer Risikoanalyse hinter mir. Mein schwacher
Protest, dass da ein Risiko einer Katastrophe mit enormen
Konsequenzen bestünde, wenn das Wasser der Talsperre
jemals infolge eines Störfalls in einer riesigen teerverarbeitenden
Anlage, die unmittelbar oberhalb des Stausees gebaut werden
sollte, mit Phenolen kontaminiert würde, wurde abgetan:
"Es gibt kein solches Risiko, Genosse - die Anlage wird
nach sowjetischen Standards errichtet, und da gibt es keine
Betriebsstörungen, basta."
So bizarr es klingen mag, ich ließ das Dammprojekt durch
eine "Konspiration" sterben, improvisiert, einer
Eingebung des Augenblicks folgend. Als nämlich, wie oft
vorher schon, ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums,
ein alter Doktor der Medizin, in mein Büro kam, um sich
an meiner Schulter über das Schicksal des Badeortes auszuweinen,
mich be-schwörend, "etwas zu tun", ihn zu retten,
schnauzte ich frustriert zurück: "Wenn Sie mir schriftlich
versichern, dass er 300 Millionen wert ist, will ich ihn retten"
- denn ungefähr soviel war nötig, um das Kosten-Nutzen-Verhältnis
des Staudamms unattraktiv zu machen. Als er protestierte,
es sei unmöglich, Menschenleben in Mark und Pfennig zu
bewerten, sagte ich ihm, die ganze Angelegenheit sei einfach
ein Spiel mit Zahlen, nötig, eine verantwortungslose
Aktion der Regierung zu verhindern, und bot ihm Beratung an,
wie er mir helfen könne, es zu spielen. Ich sagte: "Sehen
Sie, die Wirtschaft wird so und so viele Tonnen Kohle oder
Stahl verlieren, wenn ein kranker Bergarbeiter oder Stahlwerker
einige Wochen länger zur Erholung braucht, weil das Kurbad
nicht mehr zur Verfügung steht. Eine Tonne Kohle oder
Stahl kostet so und so viel Geld, es gibt so und so viele
Kurgäste, und die Lebensdauer des Staudamms ist so und
so viele Jahre; so, nun multiplizieren Sie diese Zahl mit
jener und jonglieren mit der Anzahl Wochen und Tonnen und
Zinssätzen und so weiter, bis Sie auf einen Zeitwert
von 300 Millionen kommen." Er war beeindruckt. Innerhalb
eines Monates hatte ich einen Brief, unterzeichnet vom Stellvertretenden
Minister für Gesundheitswesen, der den Verlust für
die sozialistische Volkswirtschaft durch Aufgabe des Kurbades
mit (wenn ich mich recht entsinne) 356 Millionen Kronen angab.
Das wirkliche Risiko dieser Analyse bestand darin, dass der
Doktor und ich den Rest unserer Leben hätten im Gulag
verbringen können, wenn unsere "Konspiration"
ruchbar geworden wäre. Aber der Staudamm ist noch immer
nicht gebaut worden. Die Teeraufbereitungsanlage schon.
Eine weitere sozial komplexe Situation entstand in den späten
1950er Jahren, als eine an-ständige Erklärung für
die wachsende Lebensmittelknappheit infolge der Zwangskollektivie-rung
der Landwirtschaft gefunden werden musste. Sie fand sich in
einer "Wasserverknappung", und ein massives Bewässerungsprogramm
wurde zum Heiland erklärt. Ich wurde angewiesen, einen
Investitionsvorschlag für einen der großen Stauseen
zur Versorgung mit Bewässerungswasser vorzubereiten.
Gelegen in einer weiten Flussniederung in meinem heimatlichen
Südmähren, war es ein höchst heikles Projekt,
gerechtfertigt nur unter den schlimmsten Umständen. Aber
da fand sich kein Ausweg, weil es "anderswo" (gemeint
waren die höchsten Kreise der KP) als Schlüsselprojekt
des Programms identifiziert worden war; und das Programm in
Frage zu stellen, wäre natürlich ein "Akt konterrevolutionärer
Sabotage" gewesen.
Unter Nutzung des Stausees als Ersatzvehikel für politischen
Ungehorsam eröffneten Biologen und Ökologen eine
erbitterte Attacke gegen ihn, unter Beschwörung aller
Arten von Gefahren, Unfällen und Katastrophen, die es
hageln würde. Ironischerweise priesen sie zur selben
Zeit alle ökologischen Tugenden einer ähnlichen
und nur wenig kleineren Speicherkaskade, die, kaum 10 Kilometer
entfernt, im 15. Jahrhundert gebaut worden war - verbunden
mit der Forderung, jenes System unter Naturschutz zu stellen.
Während ich auf privater Ebene sympathisierte mit den
Bestrebungen der Umweltschützer, den Damm zu verhindern,
für den ich keine Notwendigkeit sah, bestand meine Strategie
darin, dies durch Ausschmücken seines Entwurfs mit allen
denkbaren ökologischen Ausgleichsmaßnahmen zu bewerkstelligen,
dabei sogar die Vorschläge der Umweltschützer selbst
aus-stechend (zu deren großem Frust, weil das ihre Argumente
gegen den Damm schwächte), in der Hoffnung, die Kosten
des Vorhabens so hoch treiben zu können, dass sie seine
Wirtschaftlichkeit abwürgen würden. Jedoch zog weder
meine noch ihre Strategie, und der Staudamm wurde schließlich
gebaut. Bis heute hat sich keine der vorhergesagten Umweltkatastrophen
ereignet außer einer, die niemand kommen gesehen hatte
- und die hatte einen sehr positiven Effekt auf die Abwehr
eines Risikos, das mit den Aufgaben des Damms gar nichts zu
tun hatte: Er erzwang die Durchsetzung eines umfassenden Abwasserbehandlungsprogramms
im Oberlauf, weil die Einleitung der verunreinigten Zuflüsse
aus dem ge-samten Einzugsgebiet eine einzige Jauchegrube aus
dem Reservoir werden ließ, die die ganze Landschaft
im Gestank Tausender unter der heißen Sonne Mährens
faulender Fische badete und die unerwünschte Aufmerksamkeit
örtlicher wie ausländischer Touristen und der Medien
auf sich zog.
Ein viel spektakuläreres und jetzt schon international
berühmtes Beispiel dafür, wie ein Wasserspeichersystem
zur Ersatzzielscheibe für politische Gegensätze
wurde, verschleiert als Umweltbewegung, ist das Gabcikovo-Nagymaros-Projekt
auf dem ungarisch-slowakischen Teilabschnitt der Donau. Es
half, den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Ungarn
herbeizuführen, belastete die ungarisch-slowakischen
Beziehungen in der postkommunistischen Ära, und über
die Verdienste um die Auseinandersetzungen über sein
Schicksal und seine wasserbezogenen Risiken haben nicht die
akademischen Risikoanalytiker oder die praktizierenden Wasserwirtschaftsingenieure
oder Ökologen zu entscheiden, sondern die Richter am
Internationalen Gerichtshof in Den Haag (Molnár 1996).
Mein letztes Beispiel ist abgeleitet aus einer Risikoanalyse,
die ich vor mehr als zwanzig Jahren unter den freundlichen
Bedingungen der kanadischen Demokratie vorzunehmen versuchte,
kurz nachdem ich dem Inland Waters Directorate der Bundesregierung
beigetreten war. Sie war verbunden mit einer Kampfansage der
einheimischen Bevölkerung gegen den hydroelektrischen
Ausbau der James Bay in Quebec, unter Aufführung ökologischer
und weiterer Risiken und Betonung der hydrologischen Unsicherheiten
infolge der spärlichen Daten, auf denen die Vorgaben
zum Energiegewinn, zum Hochwasserschutz usw. beruhten. Ich
machte mich an die Arbeit und war bald überzeugt, dass
die Kläger zwingende Argumente gegen Quebec Hydro hätten.
Jedoch bemerkte ich ebenso bald rätselhafte Widerstände
und einen Mangel an Kooperation der Beamten vom Federal Department
of Indian and Northern Affairs, die sich ursprünglich
in der Angelegenheit an mich gewendet hatten. Eines Tages
wurde mir in aller Stille bedeutet, dass mein "Schürfen"
in dieser Sache nicht länger erwünscht sei. Die
wasserwirtschaftlichen und ökologischen Unsicherheiten,
auch die befürchtete Zerrüttung des Lebensstils
der Ureinwohner usw., hatten sich scheinbar alle einfach von
einem auf den andern Tag in Luft aufgelöst, gefolgt von
einem großzügigen Schlichtungsangebot aus Geld-
und Landzusagen, das den Einheimischen von der Provinzregierung
in Que-bec unterbreitet und kurz darauf bekannt gemacht wurde:
Den 16.000 betroffenen Ureinwohnern wurden 225 Millionen $
(Stand 1975) plus 14.000 km² Land plus ausschließliche
Fische-rei-, Fang- und Jagdrechte über weitere 150.000
km² (ein Gebiet halb so groß wie Italien) plus
ein Einkommenssicherungsprogramm plus einige weitere regierungsamtlich
garantierte Vor-teile zuerkannt (Smith 1995). Dieses Mal erhielt
mein Bericht nicht den Stempel VER-SCHLUSS-SACHE aufgedrückt
und wurde archiviert - mir wurde davon abgeraten, überhaupt
einen zu schreiben.
Die Litanei könnte weiter und weiter gehen, beispielsweise
mit einer Gegenüberstellung der wissenschaftlichen Schlachten,
die in den Vereinigten Staaten um die beste Abflusshäufigkeitsverteilung
geschlagen wurden (US Water Resources Council 1977), der realen
Unsicherheiten, die die Hochwässer beeinflussen, und
der Zwänge, die die amerikanische Hochwasserschutzpolitik
prägen (Kazmann 1995), aber lassen Sie mich enden.
Die Moral dieser Anekdoten ist diese: Die größten
Unsicherheiten und Risiken in wasserwirtschaftlichen Systemen
erwachsen aus der Tatsache, dass Wasserressourcen oft als
Ersatzschauplätze für politische Schlachten, motiviert
von Gier nach Macht und Geld, herhalten müssen. Und das
größte Risiko für einen ehrenwerten Analytiker
dieser Risiken ist, unversehens zermalmt zu werden zwischen
den Mühlsteinen, die in diesen Schlachten gegeneinander
mahlen.
6.
SCHLUSSFOLGERUNGEN, ODER EINE GESCHICHTE VON UNKUNKS, KUNKS
UND SKUNKS
"Unkunk" war eine Bezeichnung der U.S. Air Force
für unvorhersehbare Probleme oder Unknown Unknowns -
unbekannte Unbekanntheiten (Linstone 1977). Entsprechend kann
"Kunk" als eine bekannte Unbekanntheit definiert
werden; und Skunk ist, wie wohlbekannt, eine Tatsache, die
stinkt.
Nur Kunks rechtfertigen Analysen mittels strenger mathematischer
Methoden. Diese Unbekanntheiten sind präzise bestimmt
durch bekannte Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Probenahme-
und Rechenvorschriften usw. Ihre Analyse erfordert die allereffektivsten
Methoden, da ein jeder ihrer Punkte und Zustände ein
Stückchen reiner Information über das Systemverhalten
enthält. Ihre Analysen und Theorien liefern häufig
erhellende Einsichten und robuste Ergebnisse, die hilfreich
für praktische Probleme sein können - besonders
wenn wir in einer redlicheren und vernünftigeren Welt
lebten.
Unsicherheiten und Risiken des wirklichen Lebens haben die
Natur von Unkunks, mit der lehrreichen Ausnahme jener Kunks,
die einem in Lotterien und anderen chancenbetonten Spielen
begegnen. Ironischerweise ist das Glücksspiel, arm an
vorsätzlicher Täuschung, das ehrenwerteste Risikospiel
weit und breit. Verglichen mit den akademischen Risikospielen
unter Einschluss wasserwirtschaftlicher Systeme, ist das Glücksspiel
etwa so unschuldig und aufrichtig wie ein Wohltätigkeitsbasar
in Ihrer heimatlichen Kirche. In der Tat wäre es in den
Casinos von Las Vegas oder Monte Carlo ein kriminelles Vergehen,
wenn Unkunks der Kundschaft als Kunks dargeboten würden
für die praktischen Zwecke, auf sie zu setzen. Nicht
so auf der Akademie - aber das ändert nichts an der Tatsache,
dass als Kunks überreichte Unkunks zu Skunks werden.
Für praktische Zwecke können die Schlussfolgerungen
somit in den folgenden Empfehlungen formuliert werden:
Kunks behandle mit Strenge.
Unkunks behandle mit Vorsicht.
Skunks aber meide.
Denn,
wie der Historiker Daniel Boorstin einst notierte (Koch 1996):
"Die größte Behinderung der Erkenntnis ist
nicht Unwissen, sondern die Einbildung von Wissen."
Übertragung ins Deutsche: R. Dannowski, Müncheberg
2003
mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Vít Klemeš,
Victoria, British Columbia, Canada, und
der Canadian Water Resources Association (CWRA), P.O Box 1329,
Cambridge, Ontario, Canada, N1R 7G6
Anmerkung des Übersetzers:
Vorstehender Beitrag wurde erstmals präsentiert auf dem
"3rd IHP:IAHS George Kovacz Colloquium on Risk, Reliability,
Uncertainty and Robustness of Water Resource Systems",
UNESCO, Paris, 19-21 September, 1996. Die Proceedings dieses
Kolloquiums erschienen in Buchform als:
Risk, Reliability, Uncertainty, and Robustness of Water Resources
Systems.
Edited by J. J. Bogardi and Z. W. Kundzewicz. Cambridge University
Press, 2002. International Hydrology Series. 220 pp. - ISBN
0-521-80036-6
Das darin enthaltene Kapitel 3, "Risk analysis: The unbearable
cleverness of bluffing" (S. 22-29), diente als Grundlage
für die vorliegende Übersetzung. Cambridge University
Press hat der Veröffentlichung dieser deutschsprachigen
Fassung im Internet zugestimmt. Der Autor, Dr. Klemeš, betrachtet
jedoch die (geringfügig überarbeitete) CWRA-Version
als die endgültige.
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