HYDROGEOGRAPHIE.DE

Eine geographische Gewässerkunde des Binnenlandes

Dipl.-Geograph M. Reiss / Marburg, Lahn

Beiträge

Risikoanalyse: Die unerträgliche Cleverness der Hochstapelei

von VÍT KLEMEŠ (Victoria, B. C., Canada); deutsche Übersetzung von Dr. Ralf Dannowski, Müncheberg

Vít Klemeš: COMMON SENSE AND OTHER HERESIES - Selected Papers on Hydrology and Water Resources Engineering. Edited by C. D. Sellars, Canadian Water Resources Association, Cambridge, Ontario, Canada, 2000, pp. 197-209. - ISBN 1-896513-18-2
Sect. 4.1 - Risk Analysis: The Unbearable Cleverness of Bluffing.

Risikoanalyse: Die unerträgliche Cleverness der Hochstapelei
VÍT KLEMEŠ (Victoria, B. C., Canada)

ZUSAMMENFASSUNG
Es wird kritisch darüber nachgedacht, was bekannt und was unbekannt ist über die hydrologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Unsicherheiten, die im Prozess der Risikoanalyse für wasserwirtschaftliche Systeme eifrig und routinemäßig allen Arten mathematischer Fingerfertigkeit unterzogen werden. Eine Illustration der Problemlage wird mittels einer Realitätsprüfung für einige alltägliche Situationen gegeben, überwiegend basierend auf der vierzigjährigen Erfahrung des Autors. Drei simple Empfehlungen sollen der Risikoanalyse wieder Bodenhaftung geben.

1. EINLEITUNG
Angespornt durch die verfügbar gewordene Technologie der elektronischen Datenverarbeitung, war der Eintritt der mathematischen Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie in die Unsicherheitsanalyse in Hydrologie und Wasserwirtschaft in den 1960er Jahren kraftvoll und beispiellos. Genauso beispiellos war ihre Nebenwirkung - ein Ausbruch von "Anwendungen" verschiedener Scheintheorien, die durch den Computer plötzlich so erleichtert wurden. Um die Mitte der 1970er Jahre war die Gefahr dieses bösartigen Wachstums schon offenkundig, und erste vereinzelte warnende Stimmen waren zu hören. Eine der eindringlichsten und leidenschaftlichsten war die des alten Myron Fiering von der Harvard University: "Die Faszination der automatisierten Berechnung hat einen neuen Satz mathematischer Formalismen gefördert, einfach weil sie jetzt durchgerechnet werden können; wir haben uns nicht oft genug gefragt, ob sie überhaupt durchgerechnet werden sollten oder ob sie irgendeinen Unterschied bewirken ... wir bilden Modelle, um Modelle zu bedienen, um Modelle zu bedienen, und mit all dieser Rechnerei, diesem akkumulierten Abbruch, Herausmitteln, schluderigen Denken, diesen Quellen intellektuellen Schlupfs ergibt sich die berechtigte Frage, wie verlässlich die Endergebnisse eigentlich sind" (Fiering 1976). Eine Teilantwort auf diese Frage wurde einige Jahre später von Fierings Kollegen Peter Rogers gegeben, der in einer denkwürdigen Kritik (Rogers 1983) zu einem Buch, das Modelle für die Bewertung von auf der Wasserbeschaffenheit basierenden Umweltrisiken beschreibt, meint, dass die Modelle selber "riskant im Einsatz ... für praktische Fälle oder politische Entscheidungen" seien.
Im Hinblick auf die Risikoanalyse für die Standsicherheit von Staudämmen stellten Moser und Stakhiv (1987) fest: "Es scheint sich eine wachsende Divergenz in der eingebürgerten Praxis der Risikoanalyse zu entwickeln. Diese Kluft tut sich auf zwischen den theoretischen Ansätzen der akademischen Forschung und der pragmatischen Ausrichtung der Praxis... Der Zwiespalt entspringt dem Streben nach traditionellen und immer ausgefeilteren, aber eng zugeschnittenen analytischen Techniken, die Entscheidern erlauben, für sehr abgegrenzte und beschränkte Formulierungen komplexer sozialer Probleme zunehmend genau zu werden."
In den dazwischen liegenden Jahren haben mathematische Modelle zur Risikoanalyse, zu Entscheidungen unter Unsicherheit usw. weitere Fortschritte gemacht, ihre theoretischen Grundlagen wurden verfeinert und ihre Entfernung von der Realität hat oft einen Grad erreicht, der einem "Punkt ohne Rückkehr" gleicht: Sie wurden zu einem Ende in sich selbst, intellektuelle Gesellschaftsspiele, gespielt hinter einer Fassade praktisch klingenden Kauderwelschs. Es überrascht nicht, dass Peter L. Bernstein (1996) in seinem hoch geschätzten Buch über die Geschichte des Risikos argwöhnt, dass das Risikomanagement außer Kontrolle geraten sei, weil Menschen blindes Vertrauen in Formeln setzen. In der Tat ist man, Rogers umformulierend, versucht zu sagen: "Vertrauen in die so genannten rigorosen mathematischen Ansätze der Risikoanalyse könnte das größte Risiko für die Planung und Bemessung von Wasserbewirtschaftungssystemen bedeuten", eine Feststellung, die eher sachlich als flapsig gemeint ist.
Diese Behauptung beruht auf folgenden Fakten: (1) mathematisch strenge Risikoanalyse verlangt eine präzise Spezifizierung der Wahrscheinlichkeiten, die mit den unterschiedlichen physikalischen und sozialen Ereignissen und analysierten Prozessen verbunden sind; (2) diese Wahrscheinlichkeiten sind nur sehr näherungsweise bekannt, und ihre durch mathematische Gleichungen für ihre Beschreibung implizierte "Exaktheit" ist reine Einbildung; (3) Unsicherheit über diese Wahrscheinlichkeiten ist nicht verminderbar und kann nicht durch Erhöhung der mathematischen Strenge ihrer Beschreibung und Schätzung aus empirischen Daten beseitigt werden; (4) unter den sich gegenwärtig rapide verändernden Bedingungen wird eine glaubwürdige Schätzung dieser Wahrscheinlichkeiten noch trügerischer; (5) als Ökonom stellte F. Knight in den früheren Jahren des 20. Jahrhunderts fest, es gehe mehr um Risiko als um bloße Wahrscheinlichkeit - und die oft bizarren äußeren Umstände, die reale Unsicherheiten prägen und die "rationalen Wahrscheinlichkeiten" über den Haufen werfen, sind kein bisschen mehr rational, kontrollierbar und vorhersagbar geworden.
Das Ergebnis ist ein ebenso gefährliches wie ironisches Paradoxon: Während die Theorie immer ausgefeilter und rigoroser wird, werden ihre Annahmen, die sie so gewissenhaft pflegt, weniger und weniger glaubwürdig. Was als Streben seinen Anfang nahm, mehr Objektivität, Erfahrung und Realismus in den Umgang mit Unsicherheiten des wahren Lebens zu bringen, hat sich gewandelt zur prahlerischen Gerissenheit von Spielen mit probabilistischen Schimären, heraufbeschworen "für praktische Zwecke" und, neuerdings, mit "Szenarios", die oft nur einen Mix aus Ignoranz und Banalitäten als zutiefst wissenschaftlich begründete "Möglichkeiten" verschleiern.

2. FÜR PRAKTISCHE ZWECKE...
Es ist ein Axiom, dass theoretische Probleme, wie schwierig sie auch immer sein mögen, einer theoretischen Analyse zugänglicher sind als praktische. Ein theoretisches Problem liegt voll und ganz in den Händen des Analytikers. Er formuliert es, gibt die Axiome und Annahmen vor, die seinen Ansatz umreißen, und bestimmt die Spielregeln. Bei einem praktischen Problem liegen die Dinge schwieriger, weil der Analytiker wenig Kontrolle über sie hat. Das Problem ist von der Außenwelt formuliert, von der Natur, der Gesellschaft. Seine Lösung hat die Regeln dieser Außenwelt zu befolgen - die Gesetze, unter denen die natürlichen und sozialen Prozesse ablaufen und die der Analytiker nicht beliebig schaffen und auferlegen, sondern bestenfalls aufdecken kann - eine oft geflissentlich übersehene oder ignorierte Tatsache.
Dieses Aufdecken ist Auftrag der empirischen Wissenschaften. Kumulativ schaffen diese Entdeckungen das zu berücksichtigende Wissen, und seine Gesamtheit gibt die Beschränkungen für die Theorie eines jeden realen oder praktischen Problems vor. Hier erreichen wir die Weggabelung, an welcher der Pfad der Spekulation von dem der Wissenschaft abzweigt. Hier sollte eine gut sichtbare Hinweistafel aufgestellt werden, auf der die folgende Maxime des Konfuzius zu lesen ist, ein Leitspruch, der Basis für den Ethikkodex einer jeden Wissenschaft sein sollte:
Wenn du etwas weißt, dann merke dir, dass du es weißt;
wenn nicht, dann erkenne das an - das ist Wissen.
Wie andere Lebensregeln, so ist auch diese nur ein Ideal, eher ein Licht auf dem Wege denn ein leuchtender Gipfel, aber sie ist ein dienlicher Wegweiser zur redlichen wissenschaftlichen Praxis und ein Schutz vor ihrem Missbrauch.
Vielleicht nirgendwo sonst ist ein solcher Schutz nötiger als in theoretischen Analysen der den realen Situationen inhärenten Unsicherheiten und der Risiken (für menschliches Leben, Besitz, Umwelt, Sicherheit usw.), die unsere Reaktionen auf diese Situationen nach sich ziehen. Denn hier sind wir dabei, einen sehr anspruchsvollen, wenn nicht unmöglichen Auftrag in Angriff zu nehmen: eine quantitative Schätzung des Grades unserer Ignoranz. Zu wissen, wie viel wir nicht wissen, das zu messen und zu wägen - ist das nicht eigentlich eine Selbsttäuschung, ein arroganter Anspruch, ein Oxymoron (Widerspruch in sich - d. Ü.)? Selbst wenn wir die Gesamtheit des Erkennbaren wüssten, wie könnten wir davon das schon erlangte Wissen subtrahieren, um den noch ausstehenden Betrag an Ignoranz zu ermitteln - was nötig wäre, um den Grad der Unsicherheit zu bestimmen und die Risiken zu beziffern?
Im Reich der wasserwirtschaftlichen Systeme wird dieser herkulische Auftrag oft trivialisiert durch Beschwören der magischen Formel
"Für praktische Zwecke..."
Zieht man die extreme Sorgfalt in Betracht, mit der Mathematiker zu Werke gehen, bevor sie sich an irgendeine rigorose Analyse wagen - ungeachtet der Tatsache, dass sie gewöhnlich keine praktische Nützlichkeit ihrer Ergebnisse über einen "ästhetischen Wert" hinaus anstreben -, so würde man annehmen, dass jemand, der praktische Verwendungszwecke für eine Analyse anführt, von deren Ergebnissen Menschenleben, wirtschaftlicher Wohlstand und Umweltqualität abhängen können, mit verdoppelter Sorgfalt vorgehen würde. Man sollte erwarten, Sätze zu hören wie "Während die Theorie der Risikoanalyse höchst interessant ist, hat sie nur wenig Wert für praktische Zwecke, weil ihre Grundbausteine nicht zuverlässig quantifiziert und oft nicht einmal definiert werden können...", oder "Für irgendwelche praktischen Zwecke müssten so viele nicht verifizierbare vereinfachende Annahmen getroffen werden, dass keine rigorose Analyse zulässig ist und Entscheidungen zu realen Risikosituationen von anderen Betrachtungen geleitet sein müssen" - oder so ähnlich. Nicht jedoch, oder zumindest noch nicht, im Zusammenhang mit der Risiko- und Unsicherheitsanalyse wasserwirtschaftlicher Systeme. Hier wird die magische Formel "für praktische Zwecke..." angerufen, um in ein und dem selben Atemzuge zwei schreiende Widersprüche unter einen Hut zu bringen.
Auf der einen Seite dient sie als Lizenz für die großzügigste Behandlung grundlegender Fragen, im Besonderen für den Austausch der tatsächlich unbekannten gegen einige eigenmächtig postulierte fiktive Wahrscheinlichkeitswerte, wodurch die eigentlichen Unsicherheiten, deren Analyse vorgegeben wird, unter den Teppich gekehrt werden.
Auf der anderen Seite wird sie als Lizenz betrachtet, sich in der gründlichsten und ausgefeiltesten mathematischen Massage jener fiktiven probabilistischen Schimären zu ergehen, die "strengsten", "effektivsten", "unvoreingenommensten", "die größte Wahrscheinlichkeit liefernden" usw. Prozeduren zur "Extraktion der größtmöglichen Information" aus ihnen anzuwenden. Man möchte naiv fragen: Information? Worüber? Vielleicht über die Vorstellungskraft des Analytikers? Natürlich nicht! Über genau jene Dinge, die unter den Teppich gekehrt worden waren - sollen wir glauben.
Clever! Unerträglich clever! Magisch? Nein, Hochstapelei.
Überraschenderweise, so durchscheinend er ist (man muss kein Konfuzius sein, um ihn zu durchschauen), wird dieser Bluff selten beim Namen genannt. Vielleicht gibt es keine Kinder in der Runde, die rufen könnten "Der König ist ja nackt!" - oder vielleicht haben sie ihre Ph.D.s in Risikoanalyse abgeschlossen, bevor sie sprechen gelernt haben.
Es ist wahr und gewöhnlich unvermeidbar, dass beim Versuch der Lösung eines komplexen praktischen Problems vereinfachende Annahmen zu treffen sind. Aber dabei gilt es, die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu durchdenken und zu beachten. Zuallererst reduzieren sie nicht die dem Problem inhärente Unsicherheit, ganz im Gegenteil: sie erhöhen sie durch Einführung neuer Unbekannter. Deshalb diktieren sie die Verwendung eines gröberen Maßstabs, keines feineren. Und, glauben Sie's oder nicht, außerhalb akademischer Kreise ist das ziemlich gut bekannt! Beispielsweise würde doch ein Holzfäller, der für den praktischen Zweck der Volumenbestimmung einen Baumstamm vereinfacht als Zylinder zu betrachten gedenkt, dessen Durchmesser und Länge ein-, vielleicht zweimal messen und den Durchschnitt nehmen. Es wäre wohl recht schwierig, ihn dazu zu überreden, zwanzig Messungen mit einem Mikrometer vorzunehmen, die beiden Parameter aus dem Entropiemaximum zu schätzen und das Volumen auf sieben Dezimalstellen zu berechnen, um aus den Daten "die größtmögliche Information zu extrahieren".
Um fair zu sein, Hochstapelei durch Verstecken eines Mangels an Substanz hinter aufpolierter Oberfläche und aufgeblasener Erscheinung ist nichts Neues, nur die Verwendung von "Theorie" zu diesem Zweck ist eine relativ neue überraschende Wendung in dem alten Spiel - Don Quixote machte so etwas mit einem alten Helm,
als er ihn gesäubert und ausgeflickt hatte so gut er konnte, bemerkte er, dass ein Stück Material fehlte; denn anstelle eines vollständigen Helms fand sich da nur ein einzelnes Kopfstück: jedoch mit Fleiß und Einfallsreichtum schloss er diese Lücke; so fertigte er also mit Hilfe eines Pappdeckels eine Art Biberhut oder Visier, das, befestigt am Kopfstück, dieses wie einen vollkommenen Helm aussehen ließ. Danach, um zu ermessen, ob es im Kampfe bestehen würde, zog er sein Schwert, um dessen Schneide an dem Pappvisier zu erproben; doch zu seinem Unglück riss er mit dem ersten Streich, in einem einzigen Augenblick, das Werk einer ganzen Woche Arbeit ein. Nun wollte ihm aber die Leichtigkeit gar nicht gefallen, mit der er es hatte zerstören können, und deshalb, um sich vor ähnlichem Ungemach zu sichern, baute er es von neuem auf und umgab es mit eini-gen Eisenstäben, welche er an der Innenseite derart kunstvoll befestigte, dass er allen Grund zur Zufriedenheit mit der Tüchtigkeit seines Werkes verspürte; und solchermaßen, ohne jegliche weitere Probe, beschloss er, es solle hinfort allen Absichten und Zwecken eines vollwertigen und hinreichenden Helmes genügen. (Cervantes 1605)
Wenn uns die Ausführung dieses Helms irgend etwas sagen kann, dann sind die gängigen Risikoanalysemodelle, so kunstvoll garniert mit all der Rigorosität, wohl auch dazu bestimmt, Geschichte zu machen.

3. SZENARIEN ZU KLIMAÄNDERUNGSFOLGEN: VOM BLUFF ZUM META-BLUFF
Szenarios sind ein sehr ernsthaftes Geschäft. Sie versuchen, in quantitativer Form Varianten künftiger Ereignisse zu beschreiben, die - basierend auf dem gegenwärtigen Wissen und Verständnis - begründet zu erwarten sind. Das ist eine ehrgeizige Aufgabe, stärker Unsicherheiten ausgesetzt und deshalb viel schwieriger als die plausible Rekonstruktion historischer Abläufe und Ursachen gegenwärtiger Ereignisse, das Hauptziel traditioneller Wissenschaft. Mehr noch, da es der Zweck von Szenarios ist, Anleitung zum Handeln zu bieten (im Gegensatz zu dem der Wissenschaft, die vor allem der Ansammlung von Wissen dient), vereint sich hier äußerste Schwierigkeit mit äußerster sozialer Verantwortung.
Das ist gut bekannt in handlungsorientierten Disziplinen, wie Ingenieurwesen oder Kriegskunst, wo Entscheidungen (Bemessungs- und Betriebsparameter, Krisenpläne usw.), die auf einem unrealistischen Szenario basieren, zu Unannehmlichkeiten und Katastrophen wohl zu Lebzeiten ihres Verursachers führen können, der sich dann unvorteilhaften Konsequenzen gegenüber sieht, einschließlich Arbeitsverlustes, Geldbußen, Kerkerzeiten, ja selbst Todes-strafen. Verständlicherweise wurde die Konstruktion von Szenarios seit jeher mit allergrößter Vorsicht angegangen und war nur Gremien höchst erfahrener und sachkundiger Fachleute anvertraut.
Wie auch immer, Status und Glaubwürdigkeit von Szenarios sind in den letzten Jahren beträchtlich erodiert worden, und meiner Meinung nach tragen einen Großteil der Schuld daran ihr weit verbreiteter Missbrauch und ihre Trivialisierung in der Modellierung von Klimaänderungsfolgen. Hier wurde das durch konspiratives Zusammenspiel mehrerer Faktoren möglich, nämlich (1) der langen Zeithorizonte (typisch über fünfzig Jahre), die die Autoren von jeglichem persönlichem Risiko lossprechen, das mit der eventuellen Widerlegung ihrer Schöpfun-gen verbunden wäre, was ihren Verantwortungssinn aushöhlt und sie zu ungeniertem Vorgehen ermuntert; (2) der Bereitschaft, motiviert entweder aus ernsthaftem gutem Willen oder aus wohlkalkuliertem Eigennutz, politischem oder von Wirtschaftsinteressen geleitetem Druck nachzugeben und Antworten auf Probleme zu geben, die weit über den gegenwärtigen Wissensstand hinausgehen (wie von Rogers [1983] und Klemeš [1991] diskutiert); und (3) der Leichtigkeit, mit der jetzt Szenarios unter Einbeziehung von "Einwirkungen (impacts - d. Ü.)" oder beliebig unterstellten "Klimaänderungen" selbst von Amateuren und Dilettanten produziert werden können, deren Problemverständnis nicht über die Fähigkeit hinausreicht, in die verschiedenen Modelle, auf die sie Zugriff erlangt haben mögen, ein paar "DO-Schleifen" einzubauen.
Dies hat zu einem Metabluff geführt, wo es - im Gegensatz zu der oben beschriebenen einfachen Hochstapelei - nicht die verschiedenen fragwürdigen Approximationen realer (historischer) Ereignisse sind, die akribisch aufpoliert und als strenge Wissenschaft präsentiert werden, sondern Gebräue aus beliebigen und oft physikalisch inkongruenten Änderungen von Modellparametern, Prozessrealisierungen, die unter den bekannten physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht realisierbar sein werden.
Andererseits können selbst verantwortungsvolle und professionelle Versuche der Konstruktion von Szenarien kontraproduktiv sein, wenn die wissenschaftliche Basis nicht der Komplexität des anstehenden Problems gerecht wird. Solches Streben kann dann darin münden, das offensichtlich Bekannte in einer ungerechtfertigt verschlungenen Art und Weise he-rauszufinden, nicht unterscheidbar von vorsätzlicher Hochstapelei.
Letzteres kann an folgendem Beispiel illustriert werden: Oft ist herausgestellt worden (z. B. Klemeš 1982, 1991, 1992; Rogers 1991, Kennedy 1991), dass sich über die hydrologischen Wirkungen eines möglichen Klimawandels nicht viel mehr sagen lässt, als dass er eine weitere Quelle für Unsicherheiten in die Wasserbewirtschaftung einführt. Im Besonderen fasste ich die Errungenschaften einer Dekade "Klimaänderungsfolgen"-Modellierung so zusammen: "Im Wesentlichen die einzige zuverlässige Information, die aus den komplexen hydrologischen Modellübungen zur Klimavariabilität und -änderung gewonnen wurde, ist die, dass weniger Wasser zur Verfügung stehen wird, wenn das Klima trockener wird (und umgekehrt für feuchteres Klima). Mir scheint, dass nicht viel Wissenschaft nötig ist, um das he-rauszufinden" (Klemeš 1990). Fünf Jahre und eine unermessliche Zahl wissenschaftlicher Szenarien später teilt uns das Intergovernmental Panel on Climate Change (1995) mit, dass es eines "enormen intellektuellen und physischen Einsatzes ... von Wissenschaftlern und anderer Experten weltweit" bedurfte, zu Schlussfolgerungen zu gelangen wie dieser: "Intensiverer Niederschlag würde dazu tendieren, den Abfluss und das Hochwasserrisiko zu erhöhen ... Ein wärmeres Klima könnte den Anteil von Schnee am Niederschlag verringern ..."
O, sancta simplicitas!

4. ZUM LOBE DER THEORIE UND ROBUSTER ERGEBNISSE
Als ich vor vierzig Jahren das berühmte Buch zur stochastischen Speichertheorie des alten Professor P. A. P. Moran (1959) ins Tschechische übersetzte, war ich beeindruckt von seinen wiederholten Vorbehalten gegenüber ihrer praktischen Anwendbarkeit. Schon in dem kurzen Vorwort trifft man auf Aussagen wie "Da es schwierig ist, explizite Lösungen für den endlichen Staudamm zu finden, versuchen wir, das Problem zu vereinfachen. ... Die Annahme eines Zuflusses vom Typ III eines additiven Prozesses ist mit Sicherheit weit entfernt von jeder praktischen Plausibilität. ... Diese einfache Annahme wird in der Praxis nicht oft zutreffen. ... Es ist unwahrscheinlich, dass die dem Modell zugrunde liegenden Annahmen in der Praxis hinreichend gut verifiziert sind. ..." usw., dabei kommt nur die eine bescheidene Hoffnung zum Ausdruck, "dass die in diesem Buch vorgestellte Theorie hilfreich sein möge, wenn auch nur als Hintergrundwissen für diejenigen, die sich mit praktischen Problemen befassen. ..."
Ungeachtet Professor Morans Bescheidenheit ist es genau dieses Hintergrundwissen, das ein sehr wertvolles Kapital für den Praktiker darstellen kann. Der Wert guter Theorie liegt in der Unterstützung eines breiten und tiefen allgemeinen Verständnisses, nicht in der Bereitstellung eines detaillierten Rezepts für die Lösung eines jeden speziellen Problems. Gute Theorie hilft dem Praktiker, ein Problemgefühl zu entwickeln, und liefert einen robusten Rahmen für die Lenkung seines Urteils, für die Unterscheidung der Spreu vom Weizen.
Morans Buch bietet dafür selbst mehrere Beispiele. So führte eines der theoretischen Ergebnisse Moran zu der Folgerung, dass die Verteilung des Speichervermögens "nicht von der exakten Form der [ganzen] Verteilung [des Zuflusses] abhängt ...", so dass "... das Wahrscheinlichkeitsverhalten des Staudamms hauptsächlich von der Form und Lage des Hauptteils der Verteilung [des Zuflusses] und nicht von ihrem Auslaufbereich abhängt" (S. 43).
Ein anderes Beispiel bezieht sich auf die Bestimmung der Wahrscheinlichkeiten extremer Hochwässer - ein fundamentales Problem der wasserwirtschaftlichen Risikoanalyse. Dazu fasst Moran das von der Theorie bereitgestellte Hintergrundwissen mit folgenden Worten zusammen: "... es gibt keinen Grund, warum [die gewöhnlich angepassten einfachen] Verteilungen mit beobachteten Reihen übereinstimmen sollten. ... Wichtig ist zu erkennen, dass in diesem Verfahren zwei Typen von Fehlern stecken, der eine daraus resultierend, dass wir die wahre Form von f(x) nicht kennen, der andere daraus, dass die Parameterschätzung auf einer endlichen (und gewöhnlich kleinen) Zahl von Beobachtungen beruht. Diese Fehler sind essenziell und lassen sich nicht vermeiden. ... die Form des Auslaufbereiches von f(x) ... liegt gewöhnlich außerhalb des beobachteten Bereiches und kann nur erraten werden. Kein Einsatz mathematischer Fingerfertigkeit kann diese Unsicherheit beseitigen" (S. 94-95; Hervorhebungen durch den Autor).
Solche Folgerungen, basierend auf einer rein theoretischen Analyse, sind von erstrangiger praktischer Bedeutung: Sie entlarven all jene Aufschneidereien über den angeblichen Bedarf an mathematischer Fingerfertigkeit zur Anpassung von Verteilungsmodellen and Abflussdaten für die praktische Risikoanalyse des Speicherverhaltens: Steht das Risiko des Trockenfallens eines Speichers im Vordergrund, so ist nichts daran, weil viele verschiedene theoretische Verteilungen recht gut in der Lage sein werden, den Körper der empirischen Abflussverteilung ordentlich zu beschreiben, so lange sie Mittelwert und Varianz der Daten reproduzieren. Wenn andererseits das Überflutungsrisiko interessiert, ist sie irrelevant, da die aufzupolierenden Verteilungen ohnehin Schätzcharakter haben.
In den letzten rund vierzig Jahren hat die theoretische Forschung eine Anzahl ähnlicher robuster Ergebnisse hervorgebracht, die zur Risikoanalyse für wasserwirtschaftliche Systeme verwendbar sind. Eines der letzten mir geläufigen Beispiele geht auf Professor E. H. Lloyd zurück, Hydrologen wohl bekannt durch seine grundlegenden Beiträge zur stochastischen Reservoirtheorie. In Erkenntnis der Tatsache, dass uns die Verteilung Typ F für hydrologische Extreme gewöhnlich unbekannt ist, leitete Lloyd (1996) eine einfache Formel für das Konfidenzintervall der Überschreitungswahrscheinlichkeit P1 der größten, das heißt Rang-eins (jährlichen) Beobachtung aus einer n-jährlichen Reihe ab unter der Annahme, dass F unbekannt sei. Lediglich unter Beibehaltung der Annahme der Unabhängigkeit (der gewöhnlich durch die Daten nicht widersprochen wird), fand er untere und obere Grenze eines (zentralen) Konfidenzintervalls von P1 zu 1 - (1 - q)1/n und 1 - q1/n (bei einer Intervallbreite von 1 - 2 q). Damit reicht z. B. für n = 50 das 95 %-Konfidenzintervall von P1 (üblicherweise durch den Erwartungswert 1/(n + 1) seiner Verteilung geschätzt, d. h. in diesem Fall P1 = 1/51 = 0,0196) von 0,0005 bis 0,071. Mit anderen Worten, wir können das "wahre" Rückkehrintervall unseres "beobachteten 50-Jahres-Ereignisses" nicht besser schätzen als zu sagen, dass es mit 95 %-iger Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen ungefähr 14 und zweitausend Jahren liegt. Alles über diese Art Spezifizierung hinaus ist Spekulation, ungeachtet aller mathematischen Zaubertricks, mit denen es gewonnen sein mag.
Robuste theoretische Ergebnisse wie diese haben wenig Chancen, zitiert (um nicht zu sagen empfohlen!) zu werden von jenen, die ihre Karrieren auf der strengen Risikoanalyse aufgebaut haben, und zwar aus guten Gründen: Gib oder nimm ein Dutzend solcher Ergebnisse, und die Risikoanalyse-Experten können einpacken und nach Hause gehen. In der Tat stellen robuste theoretische Ergebnisse ein großes Risiko für das aufkeimende Geschäft der akademischen Risikoanalyse dar. Darum lasst uns diesen Abschnitt mit der geheimen Version des Paternosters des akademischen Risikoanalytikers beschließen:
Vater unser,
Unsere tägliche Arbeitsplatzsicherheit gib uns heute,
Führe uns nicht in Versuchung, der Wirklichkeit zu begegnen,
Und erlöse uns von den robusten Ergebnissen,
Amen.

5. EIN REALITÄTSTEST
Die furchterregendste Kraft, die im Herrschaftsbereich des wasserbezogenen Risikos wirkt und die prunkvolle Hochstapelei wie gleichermaßen die wohlbegründete Theorie unter ihren Füßen zermalmt, ist die Nackte Realität. Moser und Stakhiv (1987) nennen sie differenzierter "komplexe soziale Probleme", aber diese galante Umschreibung nimmt ihr nichts von ihrer groben und brutalen Natur und Zerstörungskraft.
Von Anbeginn sei klargestellt, dass die folgenden Beobachtungen über diese Kraft und ihre Wirkungen für theoretische Zwecke von geringer Bedeutung sind. Sie sind einfach durch eine einzige vierzigjährige Aufzeichnung eines nichthomogenen und hoch nichtstationären Prozesses mit vielen Datenlücken abgedeckt. Aber sie mögen einigen Wert für rein praktische Zwecke haben.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fiel mir ein Buch in die Hände, das die so genannten Sieben Wunder der Neuen Welt beschrieb. Unter diesen waren das Taj Mahal, das Empire State Building, der Panamakanal, aber das für mich beeindruckendste (noch heute) war der Hooverdamm.
Zehn Jahre später arbeitete ich in der Talsperrenabteilung des Zentrums für Entwicklung der Wasserressourcen in Brno an der Vorplanung meines ersten Staudamms. Mit seinen zehn-oder-so Metern Höhe war er kein wirklich neues Weltwunder, aber dann sollte er nicht einmal gebaut werden. Ich verstand das nicht, da die Kosten-Nutzen-Rechnung sehr günstig ausfiel, der Wasserbedarf, dessen Deckung er dienen sollte, schien mir echt und unumstritten, und die Risiken, die er abwenden sollte, schienen klar und sozusagen jenseits begründeter Zweifel. Dennoch, von einem Tag auf den anderen und mit einem Federstrich irgendwo in den höchsten Sphären der Bürokratie, wurden all die Risiken und Vorzüge scheinbar weggezaubert und die Arbeit am Staudamm eingestellt: Es gab da einfach eine "Änderung der Prioritäten", und ich wurde angewiesen, an einem anderen Damm zu arbeiten.
Um jene Zeit hatte ich etwas gelesen, das ich noch immer für eines der besten Bücher hal-te, die je zu Bemessung und Betrieb von Speicherseen geschrieben wurden, die Water Resources Computations von Kritskiy und Menkel (1952), in dem das Konzept des aus hydrologischen Unsicherheiten resultierenden Risikos zum ersten Mal explizit mit der Wirtschaftlichkeit des Projekts verbunden wurde. Sie legten nahe, dass es möglich sein sollte, zu optimalen Sicherheitsniveaus für die Speicherbewirtschaftung zu gelangen, indem die Verluste infolge Wasserknappheit auf die Kosten zu ihrer Vermeidung bezogen würden, und verwiesen darauf, dass Bemühungen in dieser Richtung in den Kinderschuhen steckten. Hier tat sich eine Chance zur Anhebung des wissenschaftlichen Niveaus der Risikoanalyse auf, und ich war erpicht darauf, sie zu ergreifen!
Da die hydrologischen Unsicherheiten kein echtes Problem zu sein schienen (zeitgenössische Hydrologie-Lehrbücher stellten beispielsweise die Pearson III-Verteilung als eine Art physikalische Gesetzmäßigkeit für die Jahresdurchflüsse dar), schien mir alles noch Erforderliche eine genaue Ermittlung der auf Wasserknappheit bezogenen Verluste in verschiedenen Wirtschaftsbereichen zu sein. Ich wollte das für jenes Gebiet zu tun, für das unser Amt zuständig war, und glaubte an eine ziemlich überschaubare Übung: Unser Amt hatte die Daten zum Wasserbedarf der einzelnen Bedarfsträger (sie waren die Grundlage unserer Vorschläge zu neuen Staudämmen) wie auch die historischen Durchflussganglinien, so wusste ich genau, wo und wann Wasserknappheit auftrat. Mit diesen Daten in der Tasche fuhr ich in Stahlwer-ke, Kohlengruben, Chemiefabriken, Raffinerien usw., um die Verluste aufzuspüren, die diese Engpässe in der Wasserverfügbarkeit verursacht haben mussten.
Nach mehreren Monaten solcher Detektivarbeit stand ich mit leeren Händen da. Verluste traten entweder nicht auf (die offiziellen Wasserbedarfszahlen waren zu hoch angesetzt, um "auf der sicheren Seite zu sein"); oder es wurde behauptet, sie seien "innerhalb normaler Pro-duktionsschwankungen", verursacht durch andere Faktoren wie Stromabschaltungen, Arbeitsbummelei, Anlagenausfall usw.; oder sie wurden überbrückt durch Sofortmaßnahmen, wie Notkreislaufführung von Kühlwasser (was eine leichte, aber akzeptable Überhitzung der Anlagen zur Folge hatte), Herunterfahren eines Teils der Produktionsanlagen und Durchführen der "planmäßigen Instandhaltung" darin, Senden von Beschäftigten in ihren Jahresurlaub ("sie hätten ihn früher oder später sowieso nehmen müssen"); oder sie wurden verdeckt durch ausgeklügelte Buchführungsverfahren, um nicht Prämienzahlungen für "100-prozentige Planerfüllung" zu gefährden; oder die wirklich verzeichneten Verluste wurden eifrig bestritten und weggeredet, sobald ich fragte, ob das Werk gewillt sei, sich an den Kosten für ihre Vermeidung durch einen neuen Staudamm zu beteiligen (Talsperren wurden normalerweise aus dem Staatshaushalt finanziert); oder Informationen wurden mir unter den verschiedensten Ausreden vorenthalten, wenn zwielichtige Praktiken eine Rolle gespielt hatten oder nachteilige Auswirkungen meiner Erkundungen vermutet wurden.
Mein Bericht machte meinen Leitern beträchtliche Kopfschmerzen, gerade weil er Licht auf einige reale Unsicherheiten scheinen ließ und, sofern weiter bearbeitet, die ganze Art und Weise, in der unser Amt seinen Aufgaben nachging, empfindlich unterminieren konnte. Noch wichtiger, er konnte die vielen fragwürdigen Praktiken ans Tageslicht bringen, die "unserem entwickelten sozialistischen System" innewohnten, aber sicherer hinter verschlossenen Türen zu halten waren. Um diese realen Risiken zu mindern, bekam mein Bericht den Stempel VERSCHLUSSSACHE aufgedrückt und wurde archiviert - für jegliche praktische Zwecke hörte er einfach auf zu existieren, insbesondere auch für mich, der ich keine Freigabe zum Arbeiten mit eingestuften Dokumenten hatte. Erst später zwängte ich einen Absatz über meine Untersuchungsergebnisse in meine Dissertation zum "Kandidaten der Wissenschaft" (Klemeš 1963), in dem ich die "oft sehr engen und falschen Sichtweisen der ökonomischen Effektivität" herausstellte.
Und so erfuhr ich meine erste praktische Lektion über die realen Risiken und Unsicherheiten in der Wasserwirtschaft.
Nicht aber dass der Leser irre! Die obige Geschichte ist nicht einfach ein irrelevantes Fossil aus einer bizarren und jetzt verschwundenen Welt. Ähnliche Situationen kehren immer wieder, in verschiedener Verkleidung, überall um uns herum, gut versteckt und nicht existent "für praktische Zwecke". Hier mal noch ein weiteres Beispiel: Zwischen 1977 und 1984 wurden in New South Wales Überflutungskarten erarbeitet, die die Ausdehnung 20- und 100-jährlicher Hochwässer darstellen, um hydrologische Risiken für die Erschließung der Flussau-en zu identifizieren. In der Folge jedoch wurde es Landbesitzern auf jenen Flächen zunehmend schwerer, Entwicklungsdarlehen abzusichern, und um 1984 wurde ihr Druck so groß, dass der Premierminister in seiner Wahlkampfrede verkündete, derartige Karten existierten nicht und irgendwelche existierende seien zurückgezogen worden. Und so kam es. Man kann sie nicht vom Staat bekommen, und offiziell existieren keine mehr (die Uni hat einen fast vollständigen Satz). Und die Darlehen gibt's wieder, und an einer anderen Universität, paar Meilen weiter, erzielt staatlich geförderte (unterstelle ich mal) Forschung zu Bayesschen, robusten, höchst effizienten usw. Methoden zur Bestimmung der Hochwasserwahrscheinlichkeit weitere Durchbrüche.
Kehren wir von Hochwässern wieder zu Dürreperioden zurück. Einer meiner nächsten Staudämme war zur Aufhöhung von Niedrigabflüssen für eine Anzahl von Wasserbedarfsträgern vorgesehen, jeder gestützt durch Geltendmachung drastischer wirtschaftlicher Konsequenzen, sobald der Bedarf nicht gedeckt werde. Der Staudamm, zu errichten in einer engen Schlucht, die sich zu einem breiten Tal weitete, hatte eine herausragende "ökonomische Effektivität" auf der Grundlage des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, aber er hatte auch die verheerendsten immateriellen Wirkungen, einschließlich einer tiefgreifenden Zerschneidung der gesamten sozialen Struktur des Gebietes in der Folge schwerer Beeinträchtigungen seiner landwirtschaftlichen Grundlagen, Umsiedlung mehrerer Hundert Einwohner aus fünf Dörfern und der Verkrüppelung des Jahrhunderte alten örtlichen talquerenden Wegenetzes, der Flu-tung einmaliger Aragonit-Höhlen und der Zerstörung eines hoch geschätzten Thermalbads.
Obwohl jedermann wusste, dass der Staudamm nicht an jener Stelle gebaut werden sollte, gab es keine Möglichkeit ihn zu stoppen, da die ökonomische Effektivität das einzige offiziell anerkannte Kriterium, ein Dogma des kommunistischen Regimes war. Es herauszufordern durch Aufzählung immaterieller Werte, wäre als "reaktionärer Idealismus" gebrandmarkt und als "Sabotage des sozialistischen Aufbaus" verfolgt worden - und ich hatte schon meine Lektion in praktischer Risikoanalyse hinter mir. Mein schwacher Protest, dass da ein Risiko einer Katastrophe mit enormen Konsequenzen bestünde, wenn das Wasser der Talsperre jemals infolge eines Störfalls in einer riesigen teerverarbeitenden Anlage, die unmittelbar oberhalb des Stausees gebaut werden sollte, mit Phenolen kontaminiert würde, wurde abgetan: "Es gibt kein solches Risiko, Genosse - die Anlage wird nach sowjetischen Standards errichtet, und da gibt es keine Betriebsstörungen, basta."
So bizarr es klingen mag, ich ließ das Dammprojekt durch eine "Konspiration" sterben, improvisiert, einer Eingebung des Augenblicks folgend. Als nämlich, wie oft vorher schon, ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums, ein alter Doktor der Medizin, in mein Büro kam, um sich an meiner Schulter über das Schicksal des Badeortes auszuweinen, mich be-schwörend, "etwas zu tun", ihn zu retten, schnauzte ich frustriert zurück: "Wenn Sie mir schriftlich versichern, dass er 300 Millionen wert ist, will ich ihn retten" - denn ungefähr soviel war nötig, um das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Staudamms unattraktiv zu machen. Als er protestierte, es sei unmöglich, Menschenleben in Mark und Pfennig zu bewerten, sagte ich ihm, die ganze Angelegenheit sei einfach ein Spiel mit Zahlen, nötig, eine verantwortungslose Aktion der Regierung zu verhindern, und bot ihm Beratung an, wie er mir helfen könne, es zu spielen. Ich sagte: "Sehen Sie, die Wirtschaft wird so und so viele Tonnen Kohle oder Stahl verlieren, wenn ein kranker Bergarbeiter oder Stahlwerker einige Wochen länger zur Erholung braucht, weil das Kurbad nicht mehr zur Verfügung steht. Eine Tonne Kohle oder Stahl kostet so und so viel Geld, es gibt so und so viele Kurgäste, und die Lebensdauer des Staudamms ist so und so viele Jahre; so, nun multiplizieren Sie diese Zahl mit jener und jonglieren mit der Anzahl Wochen und Tonnen und Zinssätzen und so weiter, bis Sie auf einen Zeitwert von 300 Millionen kommen." Er war beeindruckt. Innerhalb eines Monates hatte ich einen Brief, unterzeichnet vom Stellvertretenden Minister für Gesundheitswesen, der den Verlust für die sozialistische Volkswirtschaft durch Aufgabe des Kurbades mit (wenn ich mich recht entsinne) 356 Millionen Kronen angab.
Das wirkliche Risiko dieser Analyse bestand darin, dass der Doktor und ich den Rest unserer Leben hätten im Gulag verbringen können, wenn unsere "Konspiration" ruchbar geworden wäre. Aber der Staudamm ist noch immer nicht gebaut worden. Die Teeraufbereitungsanlage schon.
Eine weitere sozial komplexe Situation entstand in den späten 1950er Jahren, als eine an-ständige Erklärung für die wachsende Lebensmittelknappheit infolge der Zwangskollektivie-rung der Landwirtschaft gefunden werden musste. Sie fand sich in einer "Wasserverknappung", und ein massives Bewässerungsprogramm wurde zum Heiland erklärt. Ich wurde angewiesen, einen Investitionsvorschlag für einen der großen Stauseen zur Versorgung mit Bewässerungswasser vorzubereiten. Gelegen in einer weiten Flussniederung in meinem heimatlichen Südmähren, war es ein höchst heikles Projekt, gerechtfertigt nur unter den schlimmsten Umständen. Aber da fand sich kein Ausweg, weil es "anderswo" (gemeint waren die höchsten Kreise der KP) als Schlüsselprojekt des Programms identifiziert worden war; und das Programm in Frage zu stellen, wäre natürlich ein "Akt konterrevolutionärer Sabotage" gewesen.
Unter Nutzung des Stausees als Ersatzvehikel für politischen Ungehorsam eröffneten Biologen und Ökologen eine erbitterte Attacke gegen ihn, unter Beschwörung aller Arten von Gefahren, Unfällen und Katastrophen, die es hageln würde. Ironischerweise priesen sie zur selben Zeit alle ökologischen Tugenden einer ähnlichen und nur wenig kleineren Speicherkaskade, die, kaum 10 Kilometer entfernt, im 15. Jahrhundert gebaut worden war - verbunden mit der Forderung, jenes System unter Naturschutz zu stellen.
Während ich auf privater Ebene sympathisierte mit den Bestrebungen der Umweltschützer, den Damm zu verhindern, für den ich keine Notwendigkeit sah, bestand meine Strategie darin, dies durch Ausschmücken seines Entwurfs mit allen denkbaren ökologischen Ausgleichsmaßnahmen zu bewerkstelligen, dabei sogar die Vorschläge der Umweltschützer selbst aus-stechend (zu deren großem Frust, weil das ihre Argumente gegen den Damm schwächte), in der Hoffnung, die Kosten des Vorhabens so hoch treiben zu können, dass sie seine Wirtschaftlichkeit abwürgen würden. Jedoch zog weder meine noch ihre Strategie, und der Staudamm wurde schließlich gebaut. Bis heute hat sich keine der vorhergesagten Umweltkatastrophen ereignet außer einer, die niemand kommen gesehen hatte - und die hatte einen sehr positiven Effekt auf die Abwehr eines Risikos, das mit den Aufgaben des Damms gar nichts zu tun hatte: Er erzwang die Durchsetzung eines umfassenden Abwasserbehandlungsprogramms im Oberlauf, weil die Einleitung der verunreinigten Zuflüsse aus dem ge-samten Einzugsgebiet eine einzige Jauchegrube aus dem Reservoir werden ließ, die die ganze Landschaft im Gestank Tausender unter der heißen Sonne Mährens faulender Fische badete und die unerwünschte Aufmerksamkeit örtlicher wie ausländischer Touristen und der Medien auf sich zog.
Ein viel spektakuläreres und jetzt schon international berühmtes Beispiel dafür, wie ein Wasserspeichersystem zur Ersatzzielscheibe für politische Gegensätze wurde, verschleiert als Umweltbewegung, ist das Gabcikovo-Nagymaros-Projekt auf dem ungarisch-slowakischen Teilabschnitt der Donau. Es half, den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Ungarn herbeizuführen, belastete die ungarisch-slowakischen Beziehungen in der postkommunistischen Ära, und über die Verdienste um die Auseinandersetzungen über sein Schicksal und seine wasserbezogenen Risiken haben nicht die akademischen Risikoanalytiker oder die praktizierenden Wasserwirtschaftsingenieure oder Ökologen zu entscheiden, sondern die Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag (Molnár 1996).
Mein letztes Beispiel ist abgeleitet aus einer Risikoanalyse, die ich vor mehr als zwanzig Jahren unter den freundlichen Bedingungen der kanadischen Demokratie vorzunehmen versuchte, kurz nachdem ich dem Inland Waters Directorate der Bundesregierung beigetreten war. Sie war verbunden mit einer Kampfansage der einheimischen Bevölkerung gegen den hydroelektrischen Ausbau der James Bay in Quebec, unter Aufführung ökologischer und weiterer Risiken und Betonung der hydrologischen Unsicherheiten infolge der spärlichen Daten, auf denen die Vorgaben zum Energiegewinn, zum Hochwasserschutz usw. beruhten. Ich machte mich an die Arbeit und war bald überzeugt, dass die Kläger zwingende Argumente gegen Quebec Hydro hätten. Jedoch bemerkte ich ebenso bald rätselhafte Widerstände und einen Mangel an Kooperation der Beamten vom Federal Department of Indian and Northern Affairs, die sich ursprünglich in der Angelegenheit an mich gewendet hatten. Eines Tages wurde mir in aller Stille bedeutet, dass mein "Schürfen" in dieser Sache nicht länger erwünscht sei. Die wasserwirtschaftlichen und ökologischen Unsicherheiten, auch die befürchtete Zerrüttung des Lebensstils der Ureinwohner usw., hatten sich scheinbar alle einfach von einem auf den andern Tag in Luft aufgelöst, gefolgt von einem großzügigen Schlichtungsangebot aus Geld- und Landzusagen, das den Einheimischen von der Provinzregierung in Que-bec unterbreitet und kurz darauf bekannt gemacht wurde: Den 16.000 betroffenen Ureinwohnern wurden 225 Millionen $ (Stand 1975) plus 14.000 km² Land plus ausschließliche Fische-rei-, Fang- und Jagdrechte über weitere 150.000 km² (ein Gebiet halb so groß wie Italien) plus ein Einkommenssicherungsprogramm plus einige weitere regierungsamtlich garantierte Vor-teile zuerkannt (Smith 1995). Dieses Mal erhielt mein Bericht nicht den Stempel VER-SCHLUSS-SACHE aufgedrückt und wurde archiviert - mir wurde davon abgeraten, überhaupt einen zu schreiben.
Die Litanei könnte weiter und weiter gehen, beispielsweise mit einer Gegenüberstellung der wissenschaftlichen Schlachten, die in den Vereinigten Staaten um die beste Abflusshäufigkeitsverteilung geschlagen wurden (US Water Resources Council 1977), der realen Unsicherheiten, die die Hochwässer beeinflussen, und der Zwänge, die die amerikanische Hochwasserschutzpolitik prägen (Kazmann 1995), aber lassen Sie mich enden.
Die Moral dieser Anekdoten ist diese: Die größten Unsicherheiten und Risiken in wasserwirtschaftlichen Systemen erwachsen aus der Tatsache, dass Wasserressourcen oft als Ersatzschauplätze für politische Schlachten, motiviert von Gier nach Macht und Geld, herhalten müssen. Und das größte Risiko für einen ehrenwerten Analytiker dieser Risiken ist, unversehens zermalmt zu werden zwischen den Mühlsteinen, die in diesen Schlachten gegeneinander mahlen.

6. SCHLUSSFOLGERUNGEN, ODER EINE GESCHICHTE VON UNKUNKS, KUNKS UND SKUNKS
"Unkunk" war eine Bezeichnung der U.S. Air Force für unvorhersehbare Probleme oder Unknown Unknowns - unbekannte Unbekanntheiten (Linstone 1977). Entsprechend kann "Kunk" als eine bekannte Unbekanntheit definiert werden; und Skunk ist, wie wohlbekannt, eine Tatsache, die stinkt.
Nur Kunks rechtfertigen Analysen mittels strenger mathematischer Methoden. Diese Unbekanntheiten sind präzise bestimmt durch bekannte Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Probenahme- und Rechenvorschriften usw. Ihre Analyse erfordert die allereffektivsten Methoden, da ein jeder ihrer Punkte und Zustände ein Stückchen reiner Information über das Systemverhalten enthält. Ihre Analysen und Theorien liefern häufig erhellende Einsichten und robuste Ergebnisse, die hilfreich für praktische Probleme sein können - besonders wenn wir in einer redlicheren und vernünftigeren Welt lebten.
Unsicherheiten und Risiken des wirklichen Lebens haben die Natur von Unkunks, mit der lehrreichen Ausnahme jener Kunks, die einem in Lotterien und anderen chancenbetonten Spielen begegnen. Ironischerweise ist das Glücksspiel, arm an vorsätzlicher Täuschung, das ehrenwerteste Risikospiel weit und breit. Verglichen mit den akademischen Risikospielen unter Einschluss wasserwirtschaftlicher Systeme, ist das Glücksspiel etwa so unschuldig und aufrichtig wie ein Wohltätigkeitsbasar in Ihrer heimatlichen Kirche. In der Tat wäre es in den Casinos von Las Vegas oder Monte Carlo ein kriminelles Vergehen, wenn Unkunks der Kundschaft als Kunks dargeboten würden für die praktischen Zwecke, auf sie zu setzen. Nicht so auf der Akademie - aber das ändert nichts an der Tatsache, dass als Kunks überreichte Unkunks zu Skunks werden.
Für praktische Zwecke können die Schlussfolgerungen somit in den folgenden Empfehlungen formuliert werden:
Kunks behandle mit Strenge.
Unkunks behandle mit Vorsicht.
Skunks aber meide.

Denn, wie der Historiker Daniel Boorstin einst notierte (Koch 1996): "Die größte Behinderung der Erkenntnis ist nicht Unwissen, sondern die Einbildung von Wissen."


Übertragung ins Deutsche: R. Dannowski, Müncheberg 2003
mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Vít Klemeš, Victoria, British Columbia, Canada, und
der Canadian Water Resources Association (CWRA), P.O Box 1329, Cambridge, Ontario, Canada, N1R 7G6


Anmerkung des Übersetzers:
Vorstehender Beitrag wurde erstmals präsentiert auf dem "3rd IHP:IAHS George Kovacz Colloquium on Risk, Reliability, Uncertainty and Robustness of Water Resource Systems", UNESCO, Paris, 19-21 September, 1996. Die Proceedings dieses Kolloquiums erschienen in Buchform als:
Risk, Reliability, Uncertainty, and Robustness of Water Resources Systems.
Edited by J. J. Bogardi and Z. W. Kundzewicz. Cambridge University Press, 2002. International Hydrology Series. 220 pp. - ISBN 0-521-80036-6
Das darin enthaltene Kapitel 3, "Risk analysis: The unbearable cleverness of bluffing" (S. 22-29), diente als Grundlage für die vorliegende Übersetzung. Cambridge University Press hat der Veröffentlichung dieser deutschsprachigen Fassung im Internet zugestimmt. Der Autor, Dr. Klemeš, betrachtet jedoch die (geringfügig überarbeitete) CWRA-Version als die endgültige.

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