Das
Internationale Jahr des Süßwassers 2003 – Rückblick,
Ergebnisse und Ausblick aus der Perspektive der Marburger
Geographie
von
Prof. Dr. Christian Opp, Marburg
Das „Internationale Jahr des Süßwassers“ 2003 war für
den Fachbereich (FB) Geographie und der Marburger Geographischen
Gesellschaft (MGG) Anlass, eine Reihe verschiedener Aktivitäten
zu organisieren, die dem von der UNESCO ausgerufenen Süßwasserjahr
gewidmet waren. Dazu zählten einerseits „normale“ Aktivitäten
in Form planmäßiger Lehrveranstaltungen, die 2003
thematisch auf das Internationale Süßwasserjahr
ausgerichtet wurden: Vorlesung und Unterseminare zur Hydrogeographie
sowie Praktika an der Lahn im Stadtgebiet von Marburg, an
der Rhein-Messstelle der Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz
in Mainz, im Wasserwerk Wohratal, im Klärwerk Kirchhain
und eine Exkursion im Lahn-Einzugsgebiet.
Zusätzlich ins Programm des Sommersemesters 2003 aufgenommen
wurden ein Oberseminar „Funktion und Zustand von Binnenseen“
sowie drei in Kooperation MGG-FB Geographie durchgeführte
Exkursionen: „Historische und aktuelle wasserwirtschaftliche
Nutzungen und Probleme in Nord- und Mittelhessen“ (Ltg.: Prof.
Dipl.-Ing. A. Hoffmann & Dr. W. W. Jungmann), „Fahrradexkursion
auf dem Ederauenradweg“ (Ltg.: Dr. W. W. Jungmann), „Hydrologische
Grundlagen, Wasserbewirtschaftung und Gewässerrenaturierung
im oberen und mittleren Lahneinzugsgebiet“ (Ltg.: Prof. Dr.
Ch. Opp, Dipl.-Ing. W. Gleim [Staatl. Umweltamt Marburg],
Dipl.-Geogr. M. Reiss).
Drei
Vortragsveranstaltungen, darunter ein Vortragszyklus, boten
die Möglichkeit, über ein breites Spektrum an Themen
und Ergebnissen der Forschung rund um die Ressource Wasser
zu informieren sowie eine wissenschaftliche Diskussion und
einen Disput mit interessierten Bürgern über verschiedene
Wasser-Themen zu führen.
Die
erste dieser Veranstaltungen fand am „Tag des Wassers“, am
22. März, 2003 im Deutschen Haus in Marburg statt. Unter
Federführung des Regierungspräsidiums Gießen
– Abteilung Staatliches Umweltamt Marburg – und in Kooperation
mit dem Fachbereich Geographie der Philipps-Universität
Marburg sowie mit der Marburger Geographischen Gesellschaft
fand eine Vortragsveranstaltung mit Multimedia-Demonstration
und Videovorführung statt.
In der unter der Moderation von Dipl.-Geol. M. Serwe durchgeführten
Veranstaltung sprach nach der Begrüßung und Einführung
durch Regierungspräsident W. Schmied
- Prof. Dr. Ch. Opp über „Probleme des Wasserdargebots
und der Wassernutzung im 21. Jh., unter besonderer Berücksichtigung
des Ararseesyndroms“.
Im Anschluss daran verfolgten die Besucher den Film von J.
Tschirner „Aralsee – wo das Wasser endet, endet die Erde“.
Nach einer Pause, die u. a. zu Multimedia-Demonstrationen
rund um das Thema Wasser genutzt wurde, folgte der Vortragsblock
„Wasserwirtschaft in Hessen – Wege zur Nachhaltigkeit“, in
dem Mitarbeiter des Umweltamtes Marburg über Hessen-spezifische
und speziell im Regierungsbezirk Gießen erreichte Erfolge,
gegenwärtige und zukünftige Aufgaben sowie Perspektiven
der Wasserbewirtschaftung berichteten. Folgende Vorträge
wurden vorgestellt:
- „Umweltschonende Wassergewinnung im Vogelsberg“ (Dr. P.
Baumann),
- „Neue Wege im Gewässerschutz“ (Dipl.-Ing. F. Reißig),
- „Gewässerentwicklung“ (Dipl.-Ing. H. Diehl),
- „Hochwasserschutz“ (Dipl.-Ing. W. Gleim),
- „Neue Wege bei der Anlagenüberwachung – weniger ist
mehr“ (Dipl.-Ing. J. Schneider).
Die in Kooperation zwischen FB Geographie, MGG und Umweltamt
Marburg durchgeführte Veranstaltung ist ein hervorragendes
Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Universität, Praxis
und Öffentlichkeit, die auch in der Presse einen breiten
Wiederhall fand. Im Ergebnis der Veranstaltung konnten Spendengelder
unter den Teilnehmern gesammelt werden, die inzwischen zur
Einrichtung einer Wasseraufbereitungsanlage für ein Kinderheim
im Aralseegebiet Karakalpakstans (Usbekistan) eingesetzt wurden.
Folgende
Wasser-Vorträge wurden im Sommersemester 2003 in einem
„FB Geographie-MGG-Vortragszyklus“ über das Wasserdargebot,
Zeiten mit Hoch- und Niedrigwasser, die vielfältigen
Natur- und Kulturfunktionen, die Nutzung und Bewirtschaftung
des Süßwassers sowie über den Gewässerschutz
in Vergangenheit und Gegenwart im Deutschen Haus in Marburg
gehalten:
- „Die Wasserwirtschaft hellenistischer Städte, dargestellt
am Beispiel von Pergamon und Priene“ (Prof. Dr. H. Fahlbusch,
Lübeck),
- „Ursachen, Ablauf und Folgen des Sommerhochwassers 2002
im Elbe-Einzugsgebiet“ (Prof. Dr. M. Kinze, Dresden),
- „Klima und Hochwasserentwicklung seit dem Jahr 1.000 in
Mitteleuropa“ (Prof. Dr. R. Glaser, Heidelberg),
- „Wassernutzung und Gewässerschutz – Steuerungsmechanismen
der Politik“ (P. Kessler (Wiebaden),
- „Hochwasserkatastrophen und Hochwasserschutzkonzept am Yangtze,
China“ (Prof. Dr. L. King, Gießen),
- „Seen in Nordostdeutschland und ihre trophische Entwicklung“
(Dr. H. Vietinghoff, Seddiner See),
- „Erfahrungen bei der Gewässerentwicklung und Strukturverbesserung
durch Totholz“ (Dipl.-Ing. H. Diehl, Marburg),
- „Wasser in Südafrika – eine Ressource unter Stress“
(Dr. F. Winde, Potschesstroom/Johannesburg, Südafrika)
- „Prozessbasierte und gekoppelte Modellierungen von Wasserflüssen
und Pflanzenwachstum“ (Prof. Dr. K. Schneider, Köln),
- „Klöster, Kornmühlen und Kanäle – Wasserwirtschaft
im Mittelalter“ (Prof. Dipl.-Ing. A. Hoffmann, Marburg).
Schließlich
fand am 07. November 2003 in Friedberg-Ockstadt ein unter
Beteiligung von W. Gleim (Umweltamt Marburg) und Ch. Opp (FB
Geographie) von der Hessischen Akademie für Hochwasserschutzmaßnahmen,
Hochwasserforschung, und Wasserrettung organisiertes Symposium
„Hochwasserforschung und Einsatzstrategien“ statt, das sich
vor allem an alle in den Kommunen im Hochwasserfall Verantwortlichen
und an die verschiedenen Organisationen der Wasserrettung
gewandt hat.
Folgende Fachvorträge wurden gehalten:
- „Hochwasserforschung heute – Bestandsaufnahme und Ausblick
(Prof. Dr. Ch. Opp)
- „Hochwasser in Hessen – Situationsanalyse am Beispiel der
Lahn“ (Dipl.-Ing. W. Gleim)
- Einsatzstrategien (Präsident H. Blum)
Die
Vorträge dieser drei Veranstaltungen bildeten auch die
Grundlage für die Beiträge des vorliegenden Bandes
140 der Marburger Geographischen Schriften. Leider konnten
nicht alle Vortragenden als Autoren für einen Aufsatz
in den Marburger Geographischen Schriften gewonnen werden.
Entsprechend den vorliegenden Manuskripten wurde der MGS-Wasserband
„Wasserressourcen – Nutzung und Schutz“ wie folgt strukturiert.
Nach einer Einführung in die Thematik (Ch. Opp) folgt
zunächst ein Übersichtsbeitrag über „Probleme
des Wasserdargebots und der Wassernutzung im 21. Jh. (Ch.
Opp). Einem Themenblock „Historische Wassernutzung“ wurden
die Aufsätze von H. Fahlbusch über die antike Wasserversorgung
und -entsorgung von Pergamon und Priene sowie von A. Hoffmann
über die mittelalterliche Wasserversorgung zugeordnet.
Der Themenblock „Hochwasser – Ursachen, Folgen, Schutz“ umfasst
zunächst die retrospektive Analyse der Hochwassererscheinungen
in Mitteleuropa von R. Glaser, dann einen Überblick über
den allgemeinen Kenntnisstand der Hochwasserforschung sowie
Beispiele und Schlussfolgerungen aus dem 2002er Elbe-Hochwasser
von Ch. Opp (basierend u.a. auch auf den Vortragsunterlagen
von M. Kinze) und ein regionales Beispiel der Kenntnisse über
Hochwasserkatastrophen und -konzepte aus dem Yantze-Gebiet
von M. Gemmer & L. King. Im Themenblock „Grundlagen der
Gewässerentwicklung“ wird diese aktuelle Thematik am
Beispiel des Gewässerschutzes aus der Sicht der EU-,
Bundes- und Länderpolitik durch P. Kessler, am Beispiel
der Gewässerentwicklung durch Totholz aus der Sicht der
Umweltbehörde durch H. Diehl sowie am Beispiel der Erarbeitung
eines Konzepts der Adaption der Gewässerstrukturgütekartierung
auf Quellen und Quellbäche aus der Sicht der universitären
Forschung durch M. Reiss & Ch. Opp vorgestellt. In den
Themenblock „Wasserwirtschaft in Hessen“ konnten bis auf eine
Ausnahme alle Vorträge der Mitarbeiter des Umweltamtes
Marburg aufgenommen werden, die während des Tages des
Wassers präsentiert wurden. Über die umweltschonende
Trinkwassergewinnung im Vogelsberggebiet berichtet P. Baumann,
über Gewässerschutz am Beispiel des Antriftstausees
F. Reißig, H. Diehl erläutert Beispiele der Gewässerentwicklung
durch Renaturierung und Revitalisierung in Mittelhessen und
W. Gleim & Ch. Opp berichten über Hochwasser und
Hochwasserschutz im Lahn-Einzugsgebiet. In einem letzten Themenblock
„Ausgewählte Aspekte der Wasserverfügbarkeit und
Wasserqualität“ informiert zunächst K. Schneider
über die Bedeutung der Modellierung von Wasserflüssen
für das Pflanzenwachstum. Anschließend stellt F.
Winde die wichtigsten Aspekte des Wasserdargebots, des Wasserbedarf,
der Wasserquantität und –qualität sowie der Maßnahmen
zur Absicherung des Wasserbedarfs für die Republik Südafrika
vor. H. Vietinghoff & O. Mitz geben einen Überblick
über die Entwicklung der Wasserqualität brandenburgischer
Seen, und schließlich beschreibt Ch. Opp die Ursachen
und die Entwicklung des Aralseesyndroms.
Die Zusammenarbeit zwischen universitärer Forschung und
Lehre, Staatlichen Behörden und nichtstaatlichen Organisationen
war aus Anlass des Internationalen Jahres des Süßwassers
thematisch fokussiert auf Probleme der Wassernutzung und des
Gewässerschutzes. An diesem Beispiel wurde in Vorträgen,
gemeinsamen Lehrveranstaltungen, Weiterbildungsveranstaltungen
und Exkursionen von allen Beteiligten praktiziert, was die
Aufgaben des 21. Jh. erfordern: Kooperation. Zwar gab es auch
vor dem Jahr des Süßwassers z. T. eine Kooperation
zwischen den Beteiligten. Doch hat die gemeinsame Arbeit rund
um das Thema „Wasser“ im Jahre 2003 auch Möglichkeiten
der Kooperation auf höherem Niveau aufgezeigt, die schon
jetzt zum Nutzen aller Seiten und mit dem Ziel der nachhaltigen
Wasserbewirtschaftung Früchte tragen; beispielsweise
im Marburger Gesprächskreis „Gewässer
pragmatisch“. Aus dieser engen Kooperation heraus sind
allein seit dem „Internationalen Süßwasserjahr“
die folgenden wasser-bezogenen Qualifikationsarbeiten erwachsen,
die inzwischen am FB Geographie in Marburg erfolgreich abgeschlossen
wurden:
-
BURGGRAF, C.: Geomorphologische Einflüsse von Weidetieren
auf die Gewässer- und Uferstruktur kleiner Fließgewässer.
- KÖHLER, M.: Renaturierung von Fließgewässerlandschaften
– Erfolgskontrolle und Bewertung neuer Furkationen an der
Lahn bei Cölbe.
- MAROLD, U.: Erfassung und Bewertung von Gewässerstruktur
und Retentionsvermögen am Schwarzbach im Taunus.
- MERTENS, M.: Alternative Regenwasserbewirtschaftungsmethoden
als Beitrag zum nachhaltigen Hochwasserschutz in Siedlungsgebieten,
dargestellt am Beispiel des Stadtteils Wallau der Stadt Hofheim
am Taunus.
- RÖPKE, B.:GIS-based exposure assessment of PEC from
non-point source pesticide inputs in German river basins.
(Diss., = Boden und Landschaft, Bd. 40, Gießen 2003).
- SCHILDBACH, U.: Renaturierungsplanung zur Verbesserung der
ökologischen Struktur und Funktionsfähigkeit des
Wohra-Unterlaufs bei Kirchhain.
Auch
in Zukunft werden „Wasserforen“ unter Beteiligung von Diplomanden,
Doktoranden, Wasserwirtschaftlern aus Behörden und Praxis
sowie interessierten Nutzern organisiert werden, die einen
vertieften Erfahrungsaustausch zwischen den Beteiligten gewährleisten.
Die Erfordernisse der Wassernutzung und des Gewässerschutzes
sowie die Absicherung einer nachhaltigen Wassernutzung im
21. Jh. erfordern eine solche Kooperation, damit sowohl die
vor uns stehenden Aufgaben der Gewässerbewirtschaftung
europäischer Einzugsgebiete als auch die globalen Probleme
der Ressource Wasser gelöst werden können.
Kontakt
zum Autor:
Prof.
Dr. Christian Opp [Homepage]
Deutschhaustr.10
D-35037 Marburg
Tel.: 06421-28 24254
Fax: 06421-28 28950